Wem gehört eigentlich, was wir draußen erleben?

Was früher mit einem Kugelschreiber auf einer Papierkarte begann, wird heute in Form von GPX-Tracks aufgezeichnet, geteilt, vermarktet – und verwertet. Touren-Apps und Navigationsplattformen begleiten viele von uns auf Schritt und Tritt: beim Wandern, Graveln, Radreisen, Mountainbiken. Doch bei all dem Komfort stellt sich eine grundsätzliche Frage: Wem gehört eigentlich, was wir draußen erleben? Und wer darf es nutzen – oder verbieten?

Worum es in diesem Text geht:

– um die stille Aneignung gemeinschaftlichen Wissens durch Plattformen
– um die Ökonomie hinter scheinbar kostenlosen Touren-Apps
– um den Unterschied zwischen Freiheit und der Suggestion von Freiheit
– und um die Frage, wie man sich ein Stück davon zurückholt

Aneignung von Allmende: Wenn lokales Wissen zur Ware wird

Was einst als geteiltes Erfahrungswissen innerhalb von Communities, Vereinen oder lokalen Szenen zirkulierte, wird heute zunehmend in algorithmisch verwertbare Datensätze überführt. Wegkenntnisse, Schleichpfade, Rastplätze, Umgehungen, Naturbesonderheiten: Plattformen greifen dabei auf diese „Commons“ zu, also auf gemeinschaftlich gepflegtes Wissen, das oft ehrenamtlich oder beiläufig entstanden ist.

Die Transformation beginnt subtil: Ein lokaler Tipp wird in der App markiert, erhält ein digitales „Highlight“, wird in Sammlungen aufgenommen – und endet als monetarisierbares Element innerhalb eines datengetriebenen Ökosystems. Die ursprünglichen Kontexte, sozialen Bindungen und auch Schutzpraktiken dieses Wissens verschwinden im Feed. Was geteilt wurde, wird aggregiert, skaliert – und entkoppelt von seinen Urheber*innen. So entsteht aus gelebter Erfahrung ein abstrahierter Datenpunkt, aus Gemeinschaft ein Produkt. Die Plattformen profitieren dabei nicht nur ökonomisch, sondern auch epistemisch: Sie beanspruchen Deutungshoheit über Räume, die andere erschlossen haben.

Was geteilt wurde, wird aggregiert, skaliert – und entkoppelt von seinen Urheber*innen.

Besonders deutlich wird diese Asymmetrie dort, wo sie technisch verankert ist. Die meisten kommerziellen Tourenplattformen bauen ihr Produkt auf offenen, gemeinschaftlich gepflegten Projekten auf: OpenStreetMap liefert die Kartendaten, quelloffene Routing-Engines wie BRouter oder GraphHopper die Wegeberechnung, freie Bibliotheken wie Leaflet die Darstellung. Diese Infrastruktur wird von ehrenamtlichen Mapper*innen, Universitäten und kleinen Entwicklerkollektiven getragen – oft unter Lizenzen, die genau einen Zweck haben: dass Ergebnisse in die Gemeinschaft zurückfließen.

In der Praxis passiert das Gegenteil. Plattformen nehmen die Daten, reichern sie mit Nutzerbeiträgen an, schließen das Ergebnis in ihre Systeme ein. Die Allmende wird einmal als Baustoff genommen und einmal als Quelle des Engagements. Zurück kommt eine geschlossene App.

Wie genau dieses Wissen – Wasserstellen, Shelter, Umgehungen, Verpflegungspunkte – als POI eigentlich funktionieren sollte, steht in einem eigenen Text: POIs in GPS-Navigationssystemen. Dort zeigt sich auch, warum viele Plattformen genau dieses Feature technisch verkümmern lassen – während sie gleichzeitig die dahinterliegenden Daten einsammeln.

Wertschöpfung ohne Entlohnung: Die stille Ökonomie des Draußenseins

Das Geschäftsmodell vieler Tourenplattformen beruht im Kern auf einem einfachen Dreiklang: die kostenlose Arbeit einiger weniger, der passive Konsum vieler – und der nahezu vollständige Gewinn für sehr wenige. Während eine engagierte Minderheit ihre Strecken aufzeichnet, Highlights beschreibt, Bilder hochlädt und Erfahrungen teilt, konsumiert laut Interviews mit Plattformmitarbeitenden die große Mehrheit – klickt, lädt herunter, navigiert.

Die Plattform selbst tritt kaum als aktiver Produzent auf. Sie sammelt, skaliert, sortiert – und monetarisiert. Sichtbar wird dies in Premium-Abos, Lizenzpartnerschaften, Affiliate-Kampagnen und strategischem SEO. Unsichtbar bleibt hingegen die zentrale Ressource: die Zeit, Erfahrung und Leidenschaft jener, die den eigentlichen Content erzeugen – ohne Vertrag, ohne Honorar, ohne Anerkennung.

Was hier entsteht, ist keine Community im klassischen Sinne, sondern eine asymmetrische Ökonomie: Commons werden privatisiert, Engagement wird extrahiert, der Output wird zentral verwertet. Die Plattform profitiert doppelt – von der Arbeit der Vielen und der Unwissenheit der Mehrheit. Das Draußensein wird zur Datensenke, das Teilen zur stillen Subvention eines Geschäftsmodells, das sich hinter Begriffen wie „Community“ oder „Erlebnis“ tarnt.

Der stille Streik:

Was wäre, wenn die aktiven Nutzer*innen – jene, die planen, aufzeichnen, teilen – einfach aufhörten? Keine neuen Highlights, keine GPX-Tracks, keine Kommentare, keine Fotos. Nur Stille. Kein Protest, keine Parolen – nur ein kollektives Verstummen derjenigen, die bislang die Plattformen mit Inhalten versorgen.

Es wäre kein Boykott, sondern ein Streik im digitalen Untergrund: nicht laut, aber folgenreich. Denn der Algorithmus braucht Futter. Ohne neue Daten, ohne Bewegung, ohne freiwillige Mitwirkung trocknet der Strom an verwertbarem Content aus. Der Effekt wäre größer als jede Kritik – ein Entzug der Aufmerksamkeit, der das Fundament berührt, auf dem Plattformen ihre Versprechen errichten.

Plattformkapitalismus auf Wanderpfaden

Der Kulturtheoretiker Joseph Vogl beschreibt in „Kapital und Ressentiment“, wie sich Plattformen zu digitalen Infrastrukturen entwickeln, die sich selbst als Markt etablieren – entkoppelt von demokratischer Kontrolle. Nutzer liefern Daten, Plattformen ernten Kapital. Und während Apps mit Slogans werben, die jeden Tag ein Abenteuer versprechen, analysieren sie längst Bewegungsprofile und aggregieren vorformatierte Inhalte zur Monetarisierung.

Der Widerspruch zwischen vermeintlicher Freiheit und tatsächlicher Kontrolle könnte größer kaum sein. In marxistischer Lesart wird deutlich: Eigentum über Produktionsmittel ist hier gleichbedeutend mit Eigentum über die Datenwege. Die User*innen arbeiten unfreiwillig mit – ihr Output wird verwertet.

Eigentum über Produktionsmittel ist hier gleichbedeutend mit Eigentum über die Datenwege.

Wachstumsrouten: Wie Plattformen groß wurden

Das Wachstum mancher Plattformen verlief weniger über Innovation als über Integration – in Feeds, Stories, Partnerlinks. Man setzte etwa früh auf Affiliate-Marketing: Influencer bekamen Tourcodes, kostenlose Regionen, kleine Provisionen – dafür folgte ein Satz, ein Tag, ein Link.

Was dabei entsteht, ist keine zufällige Ansammlung von Freiwilligen, sondern eine systematisch ausgebildete Zuträgerinfrastruktur. Plattformen sind auf fortlaufenden Nachschub an frischen Inhalten angewiesen – jede Suche braucht einen Treffer, jede Region eine Sammlung, jeder Algorithmus neues Material. Dieser Nachschub fällt nicht vom Himmel. Er wird organisiert: über Ambassador-Programme, Creator-Partnerschaften, Scout-Deals, kostenlose Premium-Accounts gegen Sichtbarkeit, kuratierte Sammlungen mit Markenpartnern, Event-Kooperationen mit Outdoor-Herstellern. Die Beteiligten sind keine Angestellten – das ist der Punkt. Sie tragen das Risiko, die Plattform erntet den Ertrag.

Und weil die Währung Reichweite heißt, entsteht ein strukturelles Interesse an bestimmten Inhaltstypen: auffällig, schnell produziert, emotional zugespitzt, algorithmusfreundlich. Was sich schlecht vermarktet – eine Wasserstelle mit Prüfdatum, eine nüchterne Warnung, ein unspektakulärer Schotterweg zwischen zwei Dörfern – findet in dieser Ökonomie kaum statt.

So wanderten die Apps nicht nur über Bergkämme, sondern vor allem durch Instagram-Stories. Der Content kam von draußen – das Kapital von innen. Sichtbarkeit wurde zur Währung, Authentizität zur Strategie. Wer fuhr, bewarb. Wer teilte, skalierte. Und wer glaubte, etwas zu entdecken, reproduzierte oft nur das Erwartete.

Die Aura der Tour – Walter Benjamin reloaded

Walter Benjamin beschrieb die Aura als das „einmalige Dasein eines Kunstwerks an dem Ort, an dem es sich befindet“. Doch der Begriff selbst trägt eine noch ältere, poetischere Herkunft: Aura stammt aus dem Altgriechischen und bezeichnete einst die Morgenbrise – jenen leichten Hauch, der den Tag berührt, bevor er beginnt. In der Mythologie war Aura eine Göttin – flüchtig, schnell, ungreifbar. Was für ein schöner Gedanke: dass auch Erlebnisse draußen, im Licht des Morgens, einst von solcher Aura umweht waren.

Die Wanderung, einst ein singuläres, ortsgebundenes Erlebnis, wird zur Datei. Die Landschaft, einst leise kontemplativ, wird zum Hintergrund für Content. Der Weg – als gelebte Spur – verliert seinen Momentcharakter, sobald er als GPX-Track gespeichert, geteilt und wiederholt wird. Was früher unplanbar, überraschend, persönlich war, wird zu etwas Durchgeführtem, Kopierbarem, Erwartbarem. Die Aura des Draußen – sie verflüchtigt sich mit jedem geteilten Highlight, jedem vorgefertigten Routenvorschlag, jedem algorithmisch sortierten Erlebnis.

Die Natur, eigentlich Trägerin der Aura – ungreifbar, eigenwillig, im Wandel – wird zur Kulisse eines konsensfähigen Erlebnisschemas. Zwischen Filter, Story und Datenlage bleibt kaum mehr Raum für das, was Benjamin als „einziges Hier und Jetzt“ beschrieben hätte. Die Tour als Datei kennt kein Wetter, keine Müdigkeit, kein Verlaufen. Nur Effizienz.

Die Tour als Datei kennt kein Wetter, keine Müdigkeit, kein Verlaufen. Nur Effizienz.

Die Konsequenz? Vielleicht ist es Zeit, wieder ein Stück Aura zurückzugewinnen – durch bewusstes Abweichen vom Track, durch echte Umwege, durch Erlebnisse, die sich weder speichern noch wiederholen lassen. Vielleicht beginnt das wirkliche Draußensein dort, wo keine App mehr weiß, wo du bist.

Wenn Inhalte automatisch entstehen

Tourenplattformen erzeugen zunehmend automatisierte Inhalte – Tourenvorschläge, die nicht von Menschen geplant, sondern algorithmisch zusammengestellt werden. Der Outdoor-Blog „Der Eskapist“ hat in einer ausführlichen Analyse aufgezeigt, wie das konkret funktioniert. Diese sogenannten „Smart-Tours“ greifen auf vorhandene Nutzerdaten zurück und erzeugen neue Inhalte, ohne dass jemand je dort gewandert ist.

So entsteht eine inhaltsarme Dominanz: Masse statt Klasse. Das Resultat: SEO-optimierter Content für Suchmaschinen, nicht für reale Erlebnisse. Fehlerhafte Wegeführungen, algorithmische Standardtitel und fehlende Kontextinformationen sind die Folge. Das Signal verschwindet im Rauschen des SEO-Lärms.

Praktische Konsequenz:

Was als „beliebte Route“ angezeigt wird, hat oft niemand je gefahren. Besonders auf Gravel kann das konkret gefährlich werden – ein algorithmisch zusammengesetzter Track ignoriert Wegbeschaffenheit, Jahreszeit und Zugänglichkeit. Wer unabhängig plant, hat einen echten Vorteil: GPX direkt aufs Gerät, ohne Umwege.

Die Rhetorik des Draußenseins

Es ist eine merkwürdige Verschiebung, wenn Abenteuer heute mit App-Logos beginnen und die Versprechen von Freiheit durch Claims ersetzt werden, die sich wie aus der digitalen Setzmaschine der Werbewelt lesen: „Jede Tour ein Erlebnis“, „Abenteuer beginnt, wo der Weg endet“, „Finde, plane, erlebe“.

Solche Parolen vermitteln Nähe, Natur und Gemeinschaft – doch oft entsteht daraus ein sonderbares Missverhältnis. Denn wo vermeintlich die Natur spricht, spricht meist eine Plattform. Die Suggestion, man könne mit einem Fingertipp Teil eines großen Outdoor-Kollektivs werden, verdeckt die Tatsache, dass diese Kollektive häufig algorithmisch arrangiert und vermarktungslogisch sortiert sind.

Was da als gemeinschaftliches Erlebnis inszeniert wird, ist nicht selten das Ergebnis datenbasierter Kundensegmentierung. Der Claim „Mach jeden Tag zum Abenteuer“ bedeutet in der Praxis oft: Mach deine Bewegungen zum verwertbaren Rohstoff. Die Abenteuer sind kuratiert, kontextlos, austauschbar – und dort besonders sichtbar, wo sie oft schon übernutzt sind.

Statt draußen zu sein, bleibt man so leicht in einer Plattformästhetik gefangen, die Authentizität behauptet, aber im Kern hochgradig normiert ist. Wer hier noch glaubt, das Unbekannte zu entdecken, sollte einen zweiten Blick wagen: Vielleicht entdeckt man vor allem sich selbst – als Zielgruppe.

Wo vermeintlich die Natur spricht, spricht meist eine Plattform.

Wegerecht, Waldgesetz und digitale Verantwortung

Der sogenannte „Komoot-Paragraf“ im neuen Bundeswaldgesetz zeigt die gesellschaftlichen Spannungen. Als Reaktion auf unkontrollierte Routenveröffentlichung und steigende Nutzung könnte künftig das Teilen und Aufzeichnen von Tracks in Wäldern genehmigungspflichtig werden. Damit droht eine rechtliche Grauzone für jede GPS-Nutzung im Wald.

Betroffen sind nicht nur Plattformnutzer*innen, sondern auch OpenStreetMap-Kartierer*innen, Ehrenamtliche, Naturfreunde. Das Gesetz adressiert Symptome – nicht Ursachen. Es fehlt eine Plattformverantwortung, die algorithmische Verstärkung von Hotspots reguliert und auf eine gemeinwohlorientierte Datenökologie setzt. Aktuell scheint das Gesetz aufgeschoben, aber man wird abwarten müssen, was daraus wird.

Die Plattform und ihr Schicksal

Was aber wird aus den Plattformen selbst – aus jenen Unternehmen, die einst mit der Vision antraten, Bewegung zu ermöglichen, Orientierung zu geben, „Abenteuer zu planen“? Man muss sich nichts vormachen: Wer in Zeiten digitaler Infrastrukturen eine marktbeherrschende Stellung aufbaut, algorithmische Dominanz in der Suche anstrebt und dabei massenhaft Inhalte aus der Community nutzt, stellt sich nicht auf das Fundament langfristiger Akzeptanz – sondern auf jenes kurzlebiger Effizienzlogik.

Dass die Plattformen inzwischen selbst unter öffentlichem Druck stehen, liegt nicht allein am Erfolg. Es liegt an der Art des Erfolgs: an der systematischen Automatisierung menschlicher Erfahrung, an der Reduktion von Commons auf Content, an der Umgehung von Urheberschaft, Kontext, Verantwortung. Dass in der Debatte um das neue Bundeswaldgesetz der berüchtigte „Komoot-Paragraf“ als Reaktion auf digitale Routenteilung kursiert, ist Ausdruck genau dieser Schieflage. Man hat sich angreifbar gemacht – und es, nüchtern gesprochen, auch riskiert.

Für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Plattform bedeutet das nichts Gutes. Viele von ihnen mögen mit Idealismus, Tech-Neugier oder echter Outdoor-Leidenschaft angetreten sein. Doch das Schicksal jener, die Teil großer Datenplattformen sind, hängt am seidenen Faden der Geschäftsmodelle, nicht an der Bodenhaftung des Produkts. Sollte die Welle der Kritik, regulatorischer Eingriffe oder auch nur die Abkehr der Nutzer*innen an Kraft gewinnen, könnte das Kartenhaus der automatisierten Tourenplanung schneller einstürzen, als man glauben möchte.

Die Ironie: Es waren die Nutzerinnen und Nutzer, die das Fundament schufen – in Form von aufgezeichneten Wegen, geteilten Fotos, verfassten Beschreibungen. Und es könnten dieselben sein, die nun, ihrer Datensouveränität wieder bewusst, das Fundament entziehen. Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass digitale Landschaften ebenso verwundbar sind wie die realen: Wenn man sie zu intensiv bewirtschaftet, wachsen sie einem irgendwann über den Kopf – oder zerfallen.

Es waren die Nutzerinnen und Nutzer, die das Fundament schufen. Es könnten dieselben sein, die es wieder entziehen.

GPX: Ein Format für Freiheit – ohne Plattformpflicht

Das .gpx-Format ist ein offener Standard und benötigt keine zentrale Plattform. Wer Routen im .gpx-Format speichert, kann sie offline, unabhängig und ohne Abo nutzen. Es genügt ein USB-Stick oder eine Offline-Karte, um ein ganzes Archiv persönlicher Touren mit sich zu führen; wer mag, kann es auch öffentlich zugänglich einbetonieren.

Dass viele Menschen dennoch kommerzielle Plattformen nutzen, liegt an der Bequemlichkeit – und an der Illusion von Community. Ein hilfreiches Tool zur Rückgewinnung der eigenen Daten ist z. B. das Open-Source-Projekt „KomootGPX“ auf GitHub. Damit lassen sich gesammelte Touren im Bulk exportieren – lokal, unabhängig, langfristig verfügbar.

Praxis dazu:

Wie man GPX-Dateien ohne Umweg über Drittportale auf Garmin, Wahoo, Hammerhead und Coros überträgt – inklusive der Fallstricke, wo Plattformen Tracks beim Import stillschweigend verändern: Nie mehr Falschabbieger sein.

CXB Gravel Routenplaner: Eine echte Alternative

Der CXB Gravel Routenplaner ist eine quelloffene, nicht kommerzielle Alternative, die auf Nutzerkontrolle statt Datenauswertung setzt. Basierend auf OpenStreetMap und der Routing-Engine BRouter ermöglicht das Tool gezielte Planung auf echten Schotterwegen – ohne Abo, ohne Tracking, ohne Profilbildung.

Die Plattform zeigt: Es geht auch anders – technikaffin, community-nah und transparent. Wer nachvollziehen will, wie der Planer im Inneren funktioniert, kann es tun: Der gesamte Code liegt offen auf GitHub – vom Routing-Profil über den Tile-Server bis zur Gravel-Kartenebene. Keine Blackbox, keine versteckte Logik, keine Monetarisierungsschicht dazwischen. Selbstbestimmte Navigation ist möglich – wenn man es will. Besonders relevant: POIs werden dort nativ als exportierbare Waypoints unterstützt, nicht in ein geschlossenes Ökosystem gesperrt. Warum das einen Unterschied macht, steht im Detail im Artikel zu POIs in GPS-Navigationssystemen.

Digitale Selbstbestimmung zurückerobern

Die Natur war nie so vermessen wie heute. Und selten war es so wichtig, darüber nachzudenken, wer dabei eigentlich was vermisst – und wofür. Wer draußen unabhängig unterwegs ist, sollte auch online frei bleiben wollen. Denn echter Freiraum beginnt nicht erst auf dem Trail – sondern im Kopf. Und auf dem Server.

Die Rückeroberung beginnt mit dem Format (.gpx), dem Tool (CXB) – und dem Bewusstsein: Unsere Wege sind mehr als Datenpunkte. Sie sind Ausdruck von Bewegung, von Freiheit – und von Verantwortung.

Echter Freiraum beginnt nicht erst auf dem Trail – sondern im Kopf. Und auf dem Server.

Weiterlesen auf CXBerlin:

Nie mehr Falschabbieger sein: GPX-Dateien richtig übertragen — GPX-Dateien direkt auf Garmin, Wahoo, Hammerhead und Coros übertragen, ohne Umweg über Drittportale. Inklusive der Frage, wie sich Portale wie Komoot beim Import in den Track einschreiben.

POIs in GPS-Navigationssystemen: die unterschätzte Infrastruktur — Warum POIs die unterschätzte Infrastruktur jeder guten Route sind, und warum Hersteller und Plattformen sie trotzdem vernachlässigen. Mit konkreten Workflows für alle gängigen Geräte.

Nimm dir eine Machete, wir fahr’n nach Brandenburg: Routen aus dem Netz lesen — Wie man eine Route aus dem Netz liest: Scouting-Bias, Interessenstrukturen, die typischen Planertypen und die Asymmetrie zwischen Plattform, Planer und Fahrendem. Die Mikroebene zu dem, was dieser Essay strukturell beschreibt.

Einführung in den CXB Gravel Routenplaner — Offen, ohne Account, mit Schotter-Layer und nativem POI-Support. Die praktische Alternative zu kommerziellen Plattformen.

4 Responses

  1. Hallo Tim,

    schöner Artikel und natürlich durch den Komoot-Verkauf brandaktuell. Ich muss gestehen, dass ich immer gerne „mitgearbeitet“ habe, damit andere User davon profitieren können. So habe ich auch angefangen, und für mich war die Möglichkeit, Fotos der Wege zu sehen, eine große Planungshilfe im Bereich Gravel, da entscheiden ja manchmal 50 Meter über Schotterautobahn oder knietiefen Zuckersand.

    Sind die Plattformen an Wachstum interessiert? Ja, natürlich. Werden Userdaten genutzt, um mehr User anzuziehen oder neue Features (z. B. generierte Routen aus User-Highlights) bereitzustellen? ✅

    Ist das für mich per se negativ? Ich muss gestehen, nein. Mir wäre eine alternative Rechtsform ohne Gewinnerzielungsabsicht als Betreiber lieber, aber ich glaube, Geld war und ist ein stark motivierender Faktor bei Firmengründungen. Das Schöne daran ist allerdings, wenn der neue Eigentümer jetzt das Thema Monetarisierung auf die Spitze treibt, werden User abwandern und andere Plattformen werden wieder wachsen. Schließlich gilt es wahrscheinlich, einen bankenfinanzierten Multimillionenkauf in wenigen Jahren zu refinanzieren. Es bleibt spannend….Danke für deine Arbeit 😊wir sehen uns hoffentlich beim Grevet.

    • Hallo Robert,

      danke für den Kommentar. Der Artikel bezieht sich nicht auf eine konkrete Plattform, aber die Aktualität ist so natürlich da. Zu Deinem Bsp. drei Anmerkungen:

      Dein Punkt mit den Fotos ist grundsätzlich berechtigt – visuelle Hinweise auf den Untergrund sind ein echter Mehrwert, den eine rein kartografische Wegbeschreibung nicht liefert. Die Einschränkung: Fotos sind stark jahreszeitabhängig. Was im Mai als trockener Feldweg aussieht, ist im November Matsch. Was im August festgefahrener Zuckersand ist, rollt im Januar sauber. Ein Foto dokumentiert einen Tag, keine Strecke – und ohne Aufnahmedatum wird aus der Planungshilfe schnell ein Missverständnis. Das ist keine Kritik am Mitmachen, sondern an der Art, wie Plattformen diese Bilder präsentieren: entkontextualisiert, datumslos, mit dem impliziten Versprechen, sie zeigten den aktuellen Zustand.

      Zur Frage, ob Privatwirtschaft per se kritisch ist: nein. Es gibt viele Bereiche, in denen gewinnorientierte Unternehmen sinnvoll funktionieren und bessere Ergebnisse liefern als öffentliche oder genossenschaftliche Modelle. Der Artikel argumentiert enger: Bei digitaler Landnahme – also dort, wo gemeinschaftlich gepflegtes Wissen zur Ware wird – sieht es anders aus. Und noch grundsätzlicher: Kernbereiche des Lebens sollten geschützt sein. Wohnen, Gesundheit, Bildung, Wasser, Verkehr – und eben auch die Infrastruktur, über die wir uns im Raum bewegen. Wenn diese Bereiche unter Verwertungsdruck geraten, entstehen Probleme, die der Markt nicht selbst löst.

      Bei der Marktlogik bin ich aus dem gleichen Grund skeptischer. „User wandern ab“ funktioniert dort, wo sie ihre Daten mitnehmen können. Bei Komoot geht das kaum – Touren und Highlights lassen sich nur umständlich exportieren. Der Lock-in ist kein Versehen, er ist Teil des Modells. Das stört den freuen Wettbewerb, der Vorraussetzung einer gesunden Marktlogik wäre. Deshalb im Artikel der Hinweis auf KomootGPX: ein Werkzeug, das genau diese Hürde abbaut.

      BG,

      Tim

  2. Hi Tim,

    ein wirklich sehr schöner und lesenswerter Beitrag. Nicht nur in der Analyse des Geschäftsmodells, sondern auch der Absatz über die „Aura der Tour“. Extrem stark! Ich hab mir mal erlaubt, ihn in meinem Artikel über Komoot zu verlinken, den du hier auch erwähnst.

    Mich hat es sehr gefreut zu sehen, dass es auch andere Leute gibt, die das ein bisschen kritischer sehen. Als ich 2023 den Text über Komoot geschrieben habe, hatte ich irgendwie das Gefühl, ich bin der einzige, den das stört:) Ich habe damals sogar noch bei einigen Outdoor-Magazinen angefragt, ob das nicht mal ein Thema wäre. Wie zu erwarten war, kam da allerdings nie etwas zurück. Kein Wunder, viele kooperieren ja selbst mit Komoot und haben gar kein Interesse, das irgendwie kritisch zu beleuchten.

    Ich denke, am Ende wird es tatsächlich, wie du auch schreibst, auf die Nutzer selbst ankommen. Und zumindest ich habe da das Gefühl, dass die Kritik in der letzten Zeit nochmal ein bisschen zugelegt hat. Gerade auch nach dem Verkauf von Komoot an diese italienische Tech-Firma. Ich glaube, das ist bei vielen nicht so gut angekommen. Aber warten wir mal ab…

    Viele Grüße

    Selim

    • Hallo Selim,

      mit beträchtlicher Verspätung – dein Kommentar war mir durch die Lappen gegangen. Umso mehr freut er mich jetzt.

      Dein Artikel von 2023 war für meinen Essay eine zentrale Quelle – das Phänomen der algorithmisch generierten Routen hatte vorher niemand so konkret beschrieben.

      Das Gefühl, damit allein zu sein, kennen wir bei CXBerlin ebenfalls. Wir betreiben längst eine eigene BRouter-Instanz, teilen Routen konsequent als GPX statt über Plattform-Links – das war lange eine Position, die für Irritation gesorgt hat. Jetzt wird es Standard. Die Kuschelrhetorik der Plattformen verdeckt ihr Geschäftsprinzip erstaunlich zuverlässig, aber nicht unendlich lange.

      Dein Hinweis auf die abgeblitzten Magazin-Anfragen ist selbst Teil der Geschichte. Wer mit einer Plattform kooperiert, wird nicht über sie schreiben.

      Falls es dich interessiert: Ein neuerer Text von uns setzt auf der praktischen Seite an https://cxberlin.net/nimm-dir-eine-machete-wir-fahrn-nach-brandenburg-was-eine-route-aus-dem-netz-tatsaechlich-bedeutet-und-wie-man-das-herausfinde. Vielleicht passt das in deine Recherche zu algorithmisch generierten Routen als menschliches Gegenstück.

      Der Verkauf von Kommot hat inzwischen tatsächlich einiges verschoben, aber es ist ja nicht die einzige Plattform oder App. Mal sehen, wohin das führt.

      Tim

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