Buchrezension · Wenn ein niederländischer Soziologe den Tour-Mythos auseinandernimmt.

Benjo Maso: Der Schweiß der Götter – Wie die Tour-Legende gemacht wurde

Wenn Roland Barthes 1957 in den Mythen des Alltags die Tour de France als „Epos unserer Zeit“ verstand, dann nicht, weil sie bloß ein Sportereignis war, sondern weil sie – wie Homers Ilias – ein Ort war, an dem sich Menschliches und Göttliches ununterscheidbar durchdrangen. Der Fahrer als Berufener, das Leiden als Sakrament, der Berg als Altar. Eine schöne semiologische Erzählung, die Generationen von französischen Intellektuellen über das verstörende Spektakel hinweghalf, das jeden Juli auf den Landstraßen Frankreichs stattfand. Benjo Maso, niederländischer Soziologe, schreibt fünf Jahrzehnte später ein anderes Buch.

Eine Buchbesprechung über Benjo Masos Der Schweiß der Götter, das wahrscheinlich gründlichste soziologische Buch über die Tour de France, das in deutscher Sprache vorliegt. Maso geht nicht den Weg der Mythenpflege wie Barthes, sondern den der Mythenrekonstruktion: Er zeigt, wie aus journalistischer Übertreibung, kommerziellem Interesse und sportlicher Inszenierung jenes Gebilde entstand, das wir heute als „Tour de France“ kennen. Das Buch entzaubert nicht – es präzisiert. Und kommt damit dem, was an der Tour faszinierend ist, näher als manche Beschwörung.


Kurzurteil. Wer den Profi-Radsport nicht nur als Schauspiel konsumieren, sondern als kulturelles Phänomen verstehen will, kommt an Maso kaum vorbei. Auf knapp 290 Seiten rekonstruiert er, wie der Mythos der Tour von Anfang an konstruiert war – als kommerzielles Projekt der Zeitung L’Auto, dramatisiert von einer Sportpresse, die wusste, dass eine spektakuläre Niederlage publizistisch wertvoller ist als ein unscheinbarer Sieg. Das Buch ist ein Klassiker, kein Geheimtipp; das niederländische Original erschien 1992, die aktualisierte deutsche Ausgabe 2011. Wer Pearson für die Stimmung der Klassiker liest und Martin für die Theorie des Wiegetritts, liest Maso für die Mechanik des Mythos.

Vom Sakralen zum Spektakel

Wo Barthes mit literarischer Semiologie operiert und Sloterdijk später in seinem berühmten SPIEGEL-Gespräch die Tour als „immanent transzendente Zone“ und letzte Bastion des Heiligen im durchökonomisierten Zeitalter beschreibt, geht Maso soziologisch vor – ohne das Staunen ganz zu verlieren. Sein Blick gilt nicht nur dem Mythos, sondern vor allem dem Mechanismus, der diesen Mythos fortlaufend produziert. Maso öffnet den Maschinenraum der Tour: Er zeigt, wie Fahrer, Sponsoren, Veranstalter und Medien in einem komplexen Dreieck ökonomischer Interessen miteinander verstrickt sind, und wie die Grand Tours von Anfang an präzise kuratierte Erzählmaschinen waren.

Sein methodischer Schlüssel steht beiläufig auf den letzten Seiten des Buches, formuliert mit der Lakonie eines Soziologen, der sein Material kennt: „Was den Straßenradsport seit den Rennen von Saint-Cloud im Jahr 1868 bis in die heutige Zeit so besonders gemacht hat, ist nie seine Geschichte gewesen, sondern immer das legendarische Bild, das von ihm gezeichnet wurde.“ Damit ist die Richtung des Buches markiert: Maso interessiert nicht, was geschah, sondern wie aus dem, was geschah, das wurde, was wir heute zu wissen glauben.

Der Mythos der Tour existierte nie jenseits der Machtverhältnisse – er ging immer aus ihnen hervor. Was wir heute für die Wahrheit halten, ist das Ergebnis eines hundert Jahre alten Erzählprojekts.

L’Auto, 1903: Eine Geschäftsgründung

Die Tour de France entstand nicht aus sportlicher Begeisterung, sondern aus geschäftlicher Notwendigkeit. Maso rekonstruiert die Vorgeschichte mit Akribie: 1900 wurde in Paris die Zeitung L’Auto-Vélo gegründet – ab 1903 nur noch L’Auto –, als Konkurrenzunternehmen zur damals dominanten Sportzeitung Le Vélo. Hauptanteilseigner: die Autobauer Dion, Zwilen de Nyevelt und Chasseloup-Lambot, der Fahrradhersteller Adolphe Clément und Edmond Michelin, Miteigentümer der Reifenfirma. Die etablierte Erzählung – dass L’Auto-Vélo aus der Dreyfus-Affäre entstand, weil Pierre Giffard von Le Vélo Partei für Dreyfus ergriffen hatte – ist nach Maso höchstens halb wahr.

Tatsächlich war die neue Zeitung ein kommerzielles Projekt der Fahrzeug- und Zubehörindustrie, die der Sportpresse als Massenwerbemedium nicht mehr Giffards Gutdünken überlassen wollten. Henri Desgrange, der neue Chefredakteur, kündigte sofort an: „In L’Auto-Vélo wird niemals die Rede von politischen Fragen sein.“ Als L’Auto 1903 ein Etappenrennen durch ganz Frankreich erfand, war das vor allem eine verkaufsfördernde Maßnahme. Die Auflage des Blattes sollte steigen. Und sie tat es: 1933 erreichte L’Auto mit 364.000 Exemplaren pro Tag (Spitze: 730.000 im Juli) einen Rekord, der nie wieder erreicht wurde.

Eine Branche organisiert sich eine eigene Werbeplattform.

Was Maso präzise herausarbeitet: Die Tour de France war von Anfang an Werbeträger einer Industrie, nicht eine Sportveranstaltung mit nachträglicher Vermarktung. Auto- und Reifenhersteller saßen im Aufsichtsrat der Veranstalterzeitung. Die Strecken wurden so gewählt, dass sie die mediale Aufmerksamkeit auf jene Regionen lenkten, in denen die Anteilseigner verkaufen wollten. Werbekarawanen begleiteten das Rennen ab den 1930er Jahren. Die Grenze zwischen Sport und Reklame war nie scharf gezogen – sie wurde redaktionell verwischt, von Anfang an.

Wie Mythen gemacht werden: Christophes Gabelbruch

Eines der schönsten Stücke des Buchs ist Masos Rekonstruktion der Christophe-Legende. Eugène Christophe brach 1913 im Tourmalet die Vordergabel seines Fahrrads, schob das Rad sieben Kilometer bis ins Dorf Sainte-Marie-de-Campan, schmiedete dort selbst eine neue Gabel in der lokalen Schmiede und fuhr weiter. Eine erstaunliche Episode – aber zeitgenössisch kaum bemerkt. „Die Geschichte von Christophes Gabelbruch aus dem Jahr 1913, der seinerzeit kaum Beachtung gefunden hatte“, schreibt Maso, wurde erst 1919 zum Mythos. Damals verlor Christophe die Tour an Firmin Lambot nach einem zweiten Gabelbruch, und plötzlich brauchte die Sportpresse einen tragischen Helden. „Nun wurde in epischer Breite geschildert“, wie Christophe Stunden lang gelaufen sei und die Gabel geschmiedet habe – inklusive einer Drei-Minuten-Zeitstrafe wegen Hilfeleistung durch den Schmiedegehilfen.

Masos Pointe sitzt hier kühl im Text: „Diese Episode, die von der Sportpresse noch um viele hübsche Details angereichert wurde, war so pittoresk, dass sie die Geschichte von Christophes zweitem Gabelbruch vollständig verdrängt hat.“ Christophe wurde rückwirkend zum „moralischen Sieger“ der Tour von 1913 erklärt – obwohl er in der Gesamtwertung über vierzehn Stunden Rückstand hatte. Als seine Bewunderer ihm ein Denkmal setzen wollten, errichteten sie es nicht in Valenciennes (wo er 1919 die Tour verlor), sondern in der Schmiede von Sainte-Marie-de-Campan. „Unbewusst deuteten sie damit an, dass die Legende bedeutend stärker war als die Wirklichkeit.“

Christophes Denkmal steht in der Schmiede, nicht in Valenciennes. Die Legende war stärker als die Wirklichkeit. Maso macht das Verfahren sichtbar.

Lapize 1910: Vom „Verbrecher“ zum „Mörder“

Eine andere Mythos-Episode, die Maso präzise auseinanderlegt: Bei der Tour 1910 wurde erstmals der Col d’Aubisque befahren, 326 Pyrenäen-Kilometer auf ungepflasterten Straßen. Octave Lapize soll, als er den Aubisque hochkroch und den L’Auto-Mitarbeiter Victor Breyer traf, gerufen haben: „Ihr seid alle Verbrecher! Sagen Sie das Desgrange! Solche Strapazen kann man von niemand verlangen.“ Daraus wurde im Lauf der Jahrzehnte: „Ihr seid Mörder!“ Aus „Verbrechern“ wurden „Mörder“, aus brütender Hitze ein „Gemetzel“, aus 46 von 59 Finishern „unmenschliche Strapazen“.

Maso zitiert Jean Nelissens moderne Tour-Geschichte als Beispiel für diese Anschwellung der Legende: „In den Pyrenäen spielten sich im Jahr 1910 herzzerreißende Szenen ab“ – Sätze, die L’Auto selbst seinerzeit nicht geschrieben hatte. Tatsächlich kamen 46 von 59 gestarteten Fahrern durch, die meisten ohne dramatische Zwischenfälle. „Eine bezeichnende moderne Version der Episode“, schreibt Maso trocken. Die Apokalyptik kam später dazu – als das Publikum sie brauchte.

Pélissier 1924: „Wir sind Strafgefangene der Landstraße“

Auch die berühmteste Tour-Reportage der Geschichte – Albert Londres‘ Interview mit den Brüdern Charles und Henri Pélissier in einem Café am Bahnhof von Coutances 1924 – wird von Maso rekonstruiert. Henri Pélissier hatte die Tour wegen einer absurden Regel-Lappalie verlassen (es ging um ein unter dem Trikot vergessenes Zeitungspapier) und nutzte das Interview, um über das System Desgrange herzuziehen: „Mein Name ist Pélissier und nicht Hasso oder Rex“, soll er gesagt haben, mit Bezug auf Hundenamen. Die Rennfahrer würden behandelt wie Maultiere. Sie fuhren mit Dynamit (Strychnin, Kokain), aßen Brocken, schliefen kaum. „Sie haben keine Vorstellung davon, was die Tour de France ist – sie ist ein Leidensweg.“

Londres schrieb diese Zitate auf, fügte den später unsterblichen Titel hinzu – zunächst „Die Märtyrer der Landstraße“, in der Endfassung „Les Forçats de la Route“, „Die Strafgefangenen der Landstraße“. Maso macht aufmerksam: Der Begriff stammte gar nicht von Londres. „Eine Bezeichnung, die in den Jahren davor bereits einige Male verwendet worden war – unter anderem von Henri Pélissier selbst –, die jedoch eingedenk der Reportage über das Bagno von Cayenne von diesem Moment an Albert Londres zugeschrieben wurde.“ Das ist Mythos-Mechanik in Reinkultur: Eine vorhandene Formulierung wird einem prominenten Autor zugeschrieben, weil der Autor passend war und die Bühne groß genug.

Maso über Londres-Pélissier 1924.

Das Pélissier-Interview ist die Mutter aller Radsport-Reportagen – und Maso zeigt, warum: Es liefert das ganze Vokabular, mit dem die Tour seitdem beschrieben wird. Leidensweg, Kreuzweg, Strafgefangene, Märtyrer, Maultiere. Eine religiös-passionsspielerische Bildwelt, die sich über das nüchterne Geschehen legte und dort liegen blieb. Pélissier wusste, was er tat: Er steckte seinen Streik in eine erzählerische Form, die viral ging – avant la lettre. Londres lieferte die Bühne. Aus dem Konflikt zwischen Rennfahrern und Veranstaltern wurde ein Stück Hochliteratur. Beide Seiten profitierten: Die Fahrer wurden zu Helden, die Tour zum Epos.


Vom Fahrradhersteller zum Markenkonzept

Eine zweite große Linie bei Maso ist die Geschichte der Sponsoring-Verschiebung. Bis in die 1950er Jahre fuhren Profi-Teams für Fahrradhersteller: Bianchi, Legnano, Peugeot, Atala. Wenn Coppi auf Bianchi gewann, war das nachvollziehbare Produkt-Demonstration. Ab 1954 traten dann „außersportliche“ Sponsoren auf – Lebensmittel, Aperitifs, Matratzen. Die Logik wurde komplizierter: Niemand glaubte ernsthaft, dass Gastone Nencini Bergkönig wurde, weil er Chlorodont-Zahnpasta verwendete, oder dass Charly Gauls Kletterstärke aus einem Faema-Espresso kam.

1962 führte die Tour offiziell das Markenkonzept ein – Nationalmannschaften wurden abgeschafft, Sponsoren-Teams traten an die Stelle. Offizielle Begründung: sportliche Fairness gegenüber kleinen Radsportnationen. Tatsächliche Begründung, wie Maso belegt: die wirtschaftliche Notwendigkeit, große Sponsoren-Gelder in die Tour-Organisation zu integrieren. „Die beträchtlichen Gelder, die Unternehmen für einen Platz in der Werbekarawane bezahlten oder für das Recht, eine der Sonderwertungen zu sponsern“, waren überlebenswichtig geworden. Aus dem Wettkampf zwischen Fahrradmarken wurde der Wettkampf zwischen Lifestyle-Marken.

Eine spektakuläre Niederlage, hübsch in Szene gesetzt, war für eine außersportliche Marke oft wertvoller als ein unscheinbarer Sieg. Das verändert die ganze Logik des Sports.

Festina 1998 und die Dialektik der „sauberen Tour“

Die Doping-Frage durchzieht das ganze Buch, kommt aber in den späteren Kapiteln zu ihrem Höhepunkt. Masos Rekonstruktion des Festina-Skandals von 1998 ist eines der gründlichsten deutschsprachigen Dokumente zur Affäre: Pfleger Willy Voet wird mit EPO, Wachstumshormonen und Testosteron in Lille festgenommen, das Team versucht die Affäre kleinzuhalten, Teamchef Bruno Roussel wird verhaftet, Virenque und Pascal Herve streiten ab, Zülle gesteht nach einer Nacht in der Zelle. Maso zeigt: Der entscheidende Faktor war nicht der Skandal selbst, sondern dass die Tour-Direktion unter dem neuen Eigentümer Philippe Amaury 1995 aktiv Chiracs Wahlkampf unterstützt hatte – und damit den traditionellen politischen Schutz verloren hatte, als die sozialistische Sportministerin Marie-George Buffet 1997 antrat.

Die folgende Ironie ist bei Maso präzise herausgearbeitet: 1999 wurde Lance Armstrongs erster Tour-Sieg als „kulturelle Revolution“ verkauft (Tour-Direktor Jean-Marie Leblanc), als „Tour der Erneuerung“. Maso zitiert nüchtern: Ohne Armstrong hätte Festina-Fahrer Alex Zülle gewonnen, Laurent Dufaux (auch Festina) wurde Dritter. „Paris sah 1999 ein Podium, das auf den Ehrenplätzen weitaus weniger als Symbol für eine ‚Tour der Erneuerung‘ prädestiniert war als der Rennfahrer, der fast vom Tode auferstanden war und nun ganz oben stand.“ Maso schreibt 2011 – also vor Armstrongs Geständnis 2013, aber er ist schon skeptisch genug: „Andere europäische Journalisten hegten indes bereits Zweifel am Saubermann-Image des Amerikaners.“

Christophe Bassons, der Paria.

Eine der bittersten Episoden bei Maso: Christophe Bassons war der einzige Festina-Fahrer, der nicht gedopt hatte. Die französische Presse machte ihn zum Helden, gab ihm eine Kolumne. Das Peloton machte ihn zum Paria. Sein neues Team, Française des Jeux, hielt ihm Preisgeld-Anteile vor. Armstrong ließ ihm 1999 ausrichten, im Peloton werde auf seine Anwesenheit kein Wert mehr gelegt. Bassons fuhr nach Hause. Zwei Jahre später zog er sich aus dem Radsport zurück. Maso belegt damit, was zur „Kultur“ eines gedopten Pelotons gehörte: Wer aussteigt, wird ausgeschlossen.

Was Maso nicht macht: Entzauberung

Bemerkenswert an dem Buch ist, was es nicht tut. Maso ist kein Zyniker, kein Empörter, kein Aufklärer in der polemischen Tradition. Er ist Soziologe, und sein Buch ist durchzogen von Bewunderung – für den Mut, die Entbehrung, die Fähigkeit, sich unter Bedingungen maximaler Fremdbestimmung noch als Individuum zu behaupten. „Was den Straßenradsport so besonders gemacht hat, ist nie seine Geschichte gewesen, sondern immer das legendarische Bild, das von ihm gezeichnet wurde“ – diesen Satz schreibt jemand, der die Mythenmacherei nicht verachtet, sondern ihre Funktion versteht.

Maso zeigt sogar, wo die Mythenmacherei produktiv ist: „Dass zwei der erfolgreichsten Klassiker der heutigen Zeit ihren Ruf zum großen Teil einer Illusion verdanken, ist aber keinesfalls negativ, sondern gerade sehr positiv.“ Paris-Roubaix und die Ronde van Vlaanderen führen heute über mehr Kopfsteinpflaster als sie es historisch je taten – beide Strecken sind „die Rekonstruktion einer Vergangenheit, die so niemals existiert hat“. Aber genau das mache sie aus: „Es gibt keinen Sport, in dem die Tradition eine solch wichtige Rolle spielt. Doch diese ist alles andere als festgelegt. Im Gegenteil, sie wird immer wieder neu erfunden.“

Was wir nicht ganz mitmachen.

Ein Vorbehalt: Maso schreibt aus der niederländischen Außenperspektive, was meist eine Stärke ist – aber gelegentlich kippt es in eine etwas distanzierte Faszination für das französisch-italienische Pathos, die der englischsprachigen Radsportliteratur (Pearson, Wheatcroft) so nicht eigen ist. Wo Pearson das flämische Pathos mitatmet, beobachtet Maso es. Beides hat seinen Wert, aber wer die Innensicht der Klassiker-Kultur sucht, ist anderswo besser aufgehoben. Zweitens: Die deutsche Übersetzung von Petra van Cronenburg ist sehr genau, aber stellenweise etwas hölzern – wer Niederländisch kann, sollte das Original (De wedrennen op de weg) zur Hand nehmen.


Wo Maso steht: Im Gespräch mit Barthes und Sloterdijk

Maso ist nicht der erste, der die Tour ernsthaft denkt. Roland Barthes‘ Le Tour de France comme épopée (1957, in Mythologies) bleibt der Referenzpunkt für jede semiologische Lesart des Rennens. Bei Barthes ist die Tour ein „Geographieepos“: Der Fahrer durchwandert die topographischen Mythen Frankreichs, und das Schicksal greift in Gestalt der Berge ein. Es gibt einen göttlichen Funken, ein Numinoses, das Doping als Sakrileg behandeln lässt.

Peter Sloterdijk hat diese Linie 2008 im SPIEGEL aktualisiert: Die Tour als „immanent transzendente Zone“, als letzte Bastion des Heiligen im durchökonomisierten Körper. Der „Jump“ – das unerklärliche Wiederauferstehen am Berg – sei nicht aus dem Labor zu erzeugen, sondern ein quasi-metaphysisches Phänomen. Dort, wo Doping verdächtigt wird, schwindet die Aura, und übrig bleiben „Facharbeiter auf Rädern“.

Maso würde Sloterdijk nicht direkt widersprechen, aber sein Zugriff ist anders kalibriert: Er zeigt, dass die „immanent transzendente Zone“ nie unabhängig von den Machtverhältnissen existierte – sondern aus ihnen entstand. Barthes glaubte noch an die göttliche Aura des Ventoux. Maso erklärt den Ventoux als Bühne einer tief verwurzelten Medienökonomie. Doch er entzaubert ihn nicht – er zeigt, dass das, was an dem Berg fasziniert, gerade nicht von der ökonomischen Logik aufgesogen wird, sondern in ihr und gegen sie entsteht.

Ein Buch, das nicht entzaubert, sondern präzisiert. Und damit dem Mythos vielleicht näherkommt, als es der Glaube je könnte.

Was das für Berliner Distanzfahrer bedeutet

Für die Berliner Distanz- und Grevet-Kultur ist Maso aus zwei Gründen lehrreich. Erstens: Wer eine Distanzfahrt veranstaltet, weiß, wie schnell aus einer durchnässten Märznacht in Brandenburg eine „epische“ Geschichte wird – mit verschobener Wetterdramaturgie, ausgeschmückten Detail-Schilderungen, dem ein oder anderen Mythos in Entstehung. Maso zeigt: Das ist nicht Verfälschung, sondern Erzählarbeit. Die Tour entstand so, das Grevet entsteht so, jede längere Fahrt entsteht so. Wer sich dessen bewusst ist, kann besser damit umgehen.

Zweitens: Maso erinnert daran, dass jeder kommerzielle Radsport-Auftritt – auch der eigene, auch der wohlmeinende, auch der Indie-getriebene – Teil eines Systems wirtschaftlicher Beziehungen ist. Sponsoren, Werbekarawanen, mediale Inszenierungen sind nicht das Andere des Sports, sondern sein Konstituens. Wer Berliner Offroad-Kultur ernsthaft machen will, sollte wissen, wie die Großen das gemacht haben – und woran sie scheitern. Maso ist hier die nüchterne Grundausstattung.

Fazit: Brückentext zwischen Mythos und Mechanismus

Der Schweiß der Götter ist ein Brückentext: zwischen der Semiotik des Mythos (Barthes), dem Pathos des Numinosen (Sloterdijk) und der nüchternen Analyse des Sports als Industrie. Ein Werk für alle, die nicht nur jubeln, sondern auch verstehen wollen. Die wissen, dass Sport nicht nur von Muskeln lebt, sondern von Erzählungen. Und die begreifen, dass gerade diese Erzählungen politisch, ökonomisch, symbolisch aufgeladen sind.

Maso ist kein leichter Autor – er erwartet konzentriertes Lesen, Vorwissen über französische Sportgeschichte hilft. Aber er belohnt diesen Aufwand: Wer das Buch durchhat, sieht jede Tour-Etappe anders, jeden Sportreporter anders, jede Pélissier-zitierende Tom-Boonen-Reportage anders. Es ist ein Buch, das die Wahrnehmung kalibriert. Das ist mehr, als die meisten Sportbücher schaffen.

Kaufen, wenn: Du den Profi-Radsport nicht nur konsumieren, sondern verstehen willst. Wenn du eine soziologische Vertiefung suchst, die nicht in akademischen Jargon kippt. Wenn du Pearson für die Stimmung gelesen hast und jetzt die Mechanik wissen willst. Auch ein hervorragendes Geschenk für Sportjournalist:innen, die ihren eigenen Beruf reflektieren wollen.
Nicht kaufen, wenn: Du eine schnelle Tour-Geschichte mit bunten Bildern und Anekdoten suchst. Maso ist gründlich, präzise, manchmal trocken. Wer Erbauung will, ist anderswo besser aufgehoben. Für Anekdoten-Liebhaber:innen empfiehlt sich eher Masos eigenes Wir alle waren Götter über die Tour 1948 – oder Pearson für die Klassiker-Kultur.

Häufige Fragen zu Benjo Maso und Der Schweiß der Götter

Wer ist Benjo Maso?

Niederländischer Soziologe und Kulturhistoriker, geboren 1944. Befasst sich seit Jahrzehnten mit der Geschichte des Radsports, insbesondere mit der Tour de France als gesellschaftlichem und medialem Phänomen. Der Schweiß der Götter gilt als sein Hauptwerk.

Wann ist das Buch erschienen?

Das niederländische Original De wedrennen op de weg erschien 1992. Die erste deutsche Ausgabe folgte 2003 beim Covadonga Verlag. Für die deutsche Ausgabe wurde das Buch grundlegend überarbeitet und um neuere Entwicklungen ergänzt. Die hier besprochene aktualisierte Ausgabe von 2011 reicht bis zur Tour 2010 und behandelt auch den Armstrong-Skandal in seinen frühen Phasen.

Was unterscheidet Maso von anderen Tour-Büchern?

Anders als die meisten Radsport-Bücher arbeitet Maso soziologisch und methodisch – er analysiert nicht Etappen oder Fahrer, sondern den Mechanismus der Mythenproduktion. Statt zu fragen „Was geschah?“, fragt er „Wie wurde das, was geschah, zu dem, was wir heute zu wissen glauben?“ Das macht ihn zur Pflichtlektüre, wenn man die Tour nicht nur als Spektakel, sondern als Kulturphänomen verstehen will.

Hat Maso auch andere Bücher auf Deutsch?

Ja: Wir alle waren Götter über die Tour de France 1948 – die Coppi-Bartali-Tour mit dem politisch aufgeladenen italienischen Kontext (Attentat auf Togliatti, Bartali als Held der Christdemokratie). Ebenfalls beim Covadonga Verlag erschienen. Beide Bücher zusammen ergeben ein ungewöhnlich vollständiges Bild der Tour-Soziologie.

Verständlich auch ohne Radsport-Vorwissen?

Eingeschränkt. Maso setzt voraus, dass der Leser die großen Tour-Fahrer der Geschichte zumindest mit Namen kennt – Coppi, Bartali, Anquetil, Merckx, Hinault, LeMond, Indurain. Wer noch nie ein Profi-Rennen gesehen hat, könnte mit einem einführenden Buch (Pearson, Wheatcroft) beginnen und dann zu Maso wechseln, um die historische Tiefe zu bekommen.

Wo bekommt man das Buch in Deutschland?

Beim Covadonga Verlag in Bielefeld oder im stationären und Online-Buchhandel. Hardcover, 288 Seiten, ISBN 978-3-936973-60-0. Die aktualisierte Ausgabe von 2011 ist die aktuell maßgebliche.


Über den Autor

Benjo Maso, geboren 1944, ist niederländischer Soziologe und Kulturhistoriker. Sein akademisches Profil liegt im Schnittfeld von Mediensoziologie, Sportforschung und Kulturgeschichte. Seit den 1980er Jahren befasst er sich systematisch mit der Geschichte des Radsports, insbesondere mit der Tour de France als gesellschaftlichem und medialem Phänomen. Seine Methode: Quellenkritik kombiniert mit soziologischer Analyse der Akteursbeziehungen – Fahrer, Veranstalter, Sponsoren, Medien.

De wedrennen op de weg erschien 1992 auf Niederländisch und gilt seitdem als Standardwerk im niederländisch-belgischen Sprachraum. Für die deutsche Ausgabe (2003 erstmals, 2011 aktualisiert) wurde der Text grundlegend überarbeitet, mit Petra van Cronenburg als Übersetzerin. Maso hat daneben das Tour-1948-Buch Wir alle waren Götter verfasst, das die Coppi-Bartali-Tour im politischen Kontext der italienischen Nachkriegszeit analysiert. Beide Bücher sind beim Covadonga Verlag erschienen.

Bibliografische Notiz

Benjo Maso: Der Schweiß der Götter. Eine Analyse der Tour de France und ihrer Mythen
Aus dem Niederländischen von Petra van Cronenburg
Aktualisierte Ausgabe
Hardcover, 288 Seiten
ISBN 978-3-936973-60-0
Covadonga Verlag, Bielefeld 2011
Originalausgabe: De wedrennen op de weg. Een geschiedenis van het Tour de France, niederländische Erstausgabe 1992

No responses yet

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert