Wem gehört eigentlich, was wir draußen erleben?
Was früher mit einem Kugelschreiber auf einer Papierkarte begann, wird heute in Form von GPX-Tracks aufgezeichnet, geteilt, vermarktet – und verwertet. Touren-Apps und Navigationsplattformen begleiten viele von uns auf Schritt und Tritt: beim Wandern, Graveln, Radreisen, Mountainbiken. Doch bei all dem Komfort stellt sich eine grundsätzliche Frage: Wem gehört eigentlich, was wir draußen erleben? Und wer darf es nutzen – oder verbieten?
Aneignung von Allmende: Wenn lokales Wissen zur Ware wird
Was einst als geteiltes Erfahrungswissen innerhalb von Communities, Vereinen oder lokalen Szenen zirkulierte – Wegkenntnisse, Schleichpfade, Rastplätze, Umgehungen, Naturbesonderheiten – wird heute zunehmend in algorithmisch verwertbare Datensätze überführt. Plattformen greifen dabei auf diese „Commons“ zu, also auf gemeinschaftlich gepflegtes Wissen, das oft ehrenamtlich oder beiläufig entstanden ist. Die Transformation beginnt subtil: Ein lokaler Tipp wird in der App markiert, erhält ein digitales „Highlight“, wird in Sammlungen aufgenommen – und endet als monetarisierbares Element innerhalb eines datengetriebenen Ökosystems. Die ursprünglichen Kontexte, sozialen Bindungen und auch Schutzpraktiken dieses Wissens verschwinden im Feed. Was geteilt wurde, wird aggregiert, skaliert – und entkoppelt von seinen Urheber*innen. So entsteht aus gelebter Erfahrung ein abstrahierter Datenpunkt, aus Gemeinschaft ein Produkt. Die Plattformen profitieren dabei nicht nur ökonomisch, sondern auch epistemisch: Sie beanspruchen Deutungshoheit über Räume, die andere erschlossen haben.
Wertschöpfung ohne Entlohnung: Die stille Ökonomie des Draußenseins
Das Geschäftsmodell vieler Tourenplattformen beruht im Kern auf einem einfachen Dreiklang: die kostenlose Arbeit einiger weniger, der passive Konsum vieler – und der nahezu vollständige Gewinn für sehr wenige. Während eine engagierte Minderheit ihre Strecken aufzeichnet, Highlights beschreibt, Bilder hochlädt und Erfahrungen teilt, konsumiert laut Interviews mit Plattormmitarbeiten die große Mehrheit – klickt, lädt herunter, navigiert.
Die Plattform selbst tritt kaum als aktiver Produzent auf. Sie sammelt, skaliert, sortiert – und monetarisiert. Sichtbar wird dies in Premium-Abos, Lizenzpartnerschaften, Affiliate-Kampagnen und strategischem SEO. Unsichtbar bleibt hingegen die zentrale Ressource: die Zeit, Erfahrung und Leidenschaft jener, die den eigentlichen Content erzeugen – ohne Vertrag, ohne Honorar, ohne Anerkennung.
Was hier entsteht, ist keine Community im klassischen Sinne, sondern eine asymmetrische Ökonomie: Commons werden privatisiert, Engagement wird extrahiert, der Output wird zentral verwertet. Die Plattform profitiert doppelt – von der Arbeit der Vielen und der Unwissenheit der Mehrheit. Das Draußensein wird zur Datensenke, das Teilen zur stillen Subvention eines Geschäftsmodells, das sich hinter Begriffen wie „Community“ oder „Erlebnis“ tarnt.
Was wäre, wenn die aktiven Nutzer*innen – jene, die planen, aufzeichnen, teilen – einfach aufhörten? Keine neuen Highlights, keine GPX-Tracks, keine Kommentare, keine Fotos. Nur Stille. Kein Protest, keine Parolen – nur ein kollektives Verstummen derjenigen, die bislang die Plattformen mit Inhalten versorgen.
Es wäre Kein Boykott, sondern ein Streik im digitalen Untergrund: nicht laut, aber folgenreich. Denn der Algorithmus braucht Futter. Ohne neue Daten, ohne Bewegung, ohne freiwillige Mitwirkung trocknet der Strom an verwertbarem Content aus. Der Effekt wäre größer als jede Kritik – ein Entzug der Aufmerksamkeit, der das Fundament berührt, auf dem Plattformen ihre Versprechen errichten.
Plattformkapitalismus auf Wanderpfaden
Der Kulturtheoretiker Joseph Vogl beschreibt in „Kapital und Ressentiment“, wie sich Plattformen zu digitalen Infrastrukturen entwickeln, die sich selbst als Markt etablieren – entkoppelt von demokratischer Kontrolle. Nutzer liefern Daten, Plattformen ernten Kapital. Und während Apps mit Slogans weren, die jeden Tag ein Abenteuer versprechen, analysieren sie längst Bewegungsprofile und aggregieren vorformatierte Inhalte zur Monetarisierung. Der Widerspruch zwischen vermeintlicher Freiheit und tatsächlicher Kontrolle könnte größer kaum sein. In marxistischer Lesart wird deutlich: Eigentum über Produktionsmittel ist hier gleichbedeutend mit Eigentum über die Datenwege. Die User*innen arbeiten unfreiwillig mit – ihr Output wird verwertet.
Wachstumsrouten
Das Wachstum mancher Plattformen verlief weniger über Innovation als über Integration – in Feeds, Stories, Partnerlinks. Man etwa setzte früh auf Affiliate-Marketing: Influencer bekamen Tourcodes, kostenlose Regionen, kleine Provisionen – dafür folgte ein Satz, ein Tag, ein Link.
So wanderten die Apps nicht nur über Bergkämme, sondern vor allem durch Instagram-Stories. Der Content kam von draußen – das Kapital von innen. Sichtbarkeit wurde zur Währung, Authentizität zur Strategie. Wer fuhr, bewarb. Wer teilte, skalierte. Und wer glaubte, entdeckte – reproduzierte oft nur das Erwartete.
Die Aura der Tour – Walter Benjamin reloaded
Walter Benjamin beschrieb die Aura als das „einmalige Dasein eines Kunstwerks an dem Ort, an dem es sich befindet“. Doch der Begriff selbst trägt eine noch ältere, poetischere Herkunft: Aura stammt aus dem Altgriechischen und bezeichnete einst die Morgenbrise – jenen leichten Hauch, der den Tag berührt, bevor er beginnt. In der Mythologie war Aura eine Göttin – flüchtig, schnell, ungreifbar. Was für ein schöner Gedanke: dass auch Erlebnisse draußen, im Licht des Morgens, einst von solcher Aura umweht waren.
Die Wanderung, einst ein singuläres, ortsgebundenes Erlebnis, wird zur Datei. Die Landschaft, einst leise kontemplativ, wird zum Hintergrund für Content. Der Weg – als gelebte Spur – verliert seinen Momentcharakter, sobald er als GPX-Track gespeichert, geteilt und wiederholt wird. Was früher unplanbar, überraschend, persönlich war, wird zu etwas Durchgeführtem, Kopierbarem, Erwartbarem. Die Aura des Draußen – sie verflüchtigt sich mit jedem geteilten Highlight, jedem vorgefertigten Routenvorschlag, jedem algorithmisch sortierten Erlebnis.
Die Natur, eigentlich Trägerin der Aura – ungreifbar, eigenwillig, im Wandel – wird zur Kulisse eines konsensfähigen Erlebnisschemas. Zwischen Filter, Story und Datenlage bleibt kaum mehr Raum für das, was Benjamin als „einziges Hier und Jetzt“ beschrieben hätte. Die Tour als Datei kennt kein Wetter, keine Müdigkeit, kein Verlaufen. Nur Effizienz.
Die Konsequenz? Vielleicht ist es Zeit, wieder ein Stück Aura zurückzugewinnen – durch bewusste Abweichung vom Track, durch echte Umwege, durch Erlebnisse, die sich weder speichern noch wiederholen lassen. Vielleicht beginnt das wirkliche Draußensein dort, wo keine App mehr weiß, wo du bist.
Wenn Inhalte automatisch entstehen
Der Outdoor-Blog „Der Eskapist“ hat in einer ausführlichen Analyse aufgezeigt, wie Tourenplattformen zunehmend automatisierte Inhalte erzeugen – Tourenvorschläge, die nicht von Menschen geplant, sondern algorithmisch zusammengestellt werden. Diese sogenannten „Smart-Tours“ greifen auf vorhandene Nutzerdaten zurück und erzeugen neue Inhalte, ohne dass jemand je dort gewandert ist. So entsteht eine inhaltsarme Dominanz: Masse statt Klasse. Das Resultat: SEO-optimierter Content für Suchmaschinen, nicht für reale Erlebnisse. Fehlerhafte Wegeführungen, algorithmische Standardtitel und fehlende Kontextinformationen sind die Folge. Das Signal verschwindet im Rauschen des SEO-Lärms.
Die Rhetorik des Draußenseins
Es ist eine merkwürdige Verschiebung, wenn Abenteuer heute mit App-Logos beginnen und die Versprechen von Freiheit durch Claims ersetzt werden, die sich wie aus der digitalen Setzmaschine der Werbewelt lesen: „Jede Tour ein Erlebnis“, „Abenteuer beginnt, wo der Weg endet“, „Finde, plane, erlebe“.
Solche Parolen vermitteln Nähe, Natur und Gemeinschaft – doch oft entsteht daraus ein sonderbares Missverhältnis. Denn wo vermeintlich die Natur spricht, spricht meist eine Plattform. Die Suggestion, man könne mit einem Fingertipp Teil eines großen Outdoor-Kollektivs werden, verdeckt die Tatsache, dass diese Kollektive häufig algorithmisch arrangiert und vermarktungslogisch sortiert sind.
Was da als gemeinschaftliches Erlebnis inszeniert wird, ist nicht selten das Ergebnis datenbasierter Kundensegmentierung. Der Claim „Mach jeden Tag zum Abenteuer“ bedeutet in der Praxis oft: Mach deine Bewegungen zum verwertbaren Rohstoff. Die Abenteuer sind kuratiert, kontextlos, austauschbar – und dort besonders sichtbar, wo sie oft schon übernutzt sind.
Statt draußen zu sein, bleibt man so leicht im Inneren einer Plattformästhetik gefangen, die Authentizität behauptet, aber im Kern hochgradig normiert ist. Wer hier noch glaubt, das Unbekannte zu entdecken, sollte einen zweiten Blick wagen: Vielleicht entdeckt man vor allem sich selbst – als Zielgruppe.
Wegerecht, Waldgesetz und digitale Verantwortung
Der sogenannte ‚Komoot-Paragraf‚ im neuen Bundeswaldgesetz zeigt die gesellschaftlichen Spannungen. Als Reaktion auf unkontrollierte Routenveröffentlichung und steigende Nutzung könnte künftig das Teilen und Aufzeichnen von Tracks in Wäldern genehmigungspflichtig werden. Damit droht eine rechtliche Grauzone für jede GPS-Nutzung im Wald. Betroffen sind nicht nur Plattformnutzer*innen, sondern auch OpenStreetMap-Kartierer*innen, Ehrenamtliche, Naturfreunde. Das Gesetz adressiert Symptome – nicht Ursachen. Es fehlt eine Plattformverantwortung, die algorithmische Verstärkung von Hotspots reguliert und auf gemeinwohlorientierte Datenökologie setzt. Aktuell scheint das Gesetz aufgeschobene, aber man wird abwarten müssen, was daraus wird.
Die Plattform und ihr Schicksal
Was aber wird aus den Plattformen selbst – aus jenen Unternehmen, die einst mit der Vision antraten, Bewegung zu ermöglichen, Orientierung zu geben, „Abenteuer zu planen“? Man muss sich nichts vormachen: Wer in Zeiten digitaler Infrastrukturen eine marktbeherrschende Stellung aufbaut, algorithmische Dominanz in der Suche anstrebt und dabei massenhaft Inhalte aus der Community nutzt, stellt sich nicht auf das Fundament langfristiger Akzeptanz – sondern auf jenes kurzlebiger Effizienzlogik.
Dass die Plattformen inzwischen selbst selbst unter öffentlichem Druck stehen, liegt nicht allein am Erfolg. Es liegt an der Art des Erfolgs: an der systematischen Automatisierung menschlicher Erfahrung, an der Reduktion von Commons auf Content, an der Umgehung von Urheberschaft, Kontext, Verantwortung. Dass in der Debatte um das neue Bundeswaldgesetz der berüchtigte „Komoot-Paragraf“ als Reaktion auf digitale Routenteilung kursiert, ist Ausdruck genau dieser Schieflage. Man hat sich angreifbar gemacht – und es, nüchtern gesprochen, auch darauf angelegt.
Für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Plattform bedeutet das nichts Gutes. Viele von ihnen mögen mit Idealismus, Tech-Neugier oder echter Outdoor-Leidenschaft angetreten sein. Doch das Schicksal jener, die Teil großer Datenplattformen sind, hängt am seidenen Faden der Geschäftsmodelle, nicht an der Bodenhaftung des Produkts. Sollte die Welle der Kritik, regulatorischer Eingriffe oder auch nur die Abkehr der Nutzer*innen an Kraft gewinnen, könnte das Kartenhaus der automatisierten Tourenplanung schneller einstürzen, als man glauben möchte.
Die Ironie: Es waren die Nutzerinnen und Nutzer, die das Fundament schufen – in Form von aufgezeichneten Wegen, geteilten Fotos, verfassten Beschreibungen. Und es könnten dieselben sein, die nun, ihrer Datensouveränität wieder bewusst, das Fundament entziehen. Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass digitale Landschaften ebenso verwundbar sind wie die realen: Wenn man sie zu intensiv bewirtschaftet, wachsen sie einem irgendwann über den Kopf – oder zerfallen.
GPX: Ein Format für Freiheit – ohne Plattformpflicht
Eigentlich liegen die Lösungen auf dem Tisch: das .gpx-Format ist ein offener Standard und benötigt keine zentrale Plattform. Wer Routen im .gpx-Format speichert, kann sie offline, unabhängig und ohne Abo nutzen. Es genügt ein USB-Stick oder eine Offline-Karte, um ein ganzes Archiv persönlicher Touren mit sich zu führen, wer mag kann es auch öffenlich zugänglich einbetonieren. Dass viele Menschen dennoch kommerzielle Plattformen nutzen, liegt an der Bequemlichkeit – und an der Illusion von Community. Ein hilfreiches Tool zur Rückgewinnung der eigenen Daten ist z.B. das Open-Source-Projekt „KomootGPX“ auf GitHub . Damit lassen sich gesammelte Touren im Bulk exportieren – lokal, unabhängig, langfristig verfügbar.
CXB Gravel Routenplaner: Eine echte Alternative
Der CXB Gravel Routenplaner ist eine quelloffene, nicht-kommerzielle Alternative, die auf Nutzerkontrolle statt Datenauswertung setzt. Basierend auf OpenStreetMap und der Routing-Engine BRouter ermöglicht das Tool gezielte Planung auf echten Schotterwegen – ohne Abo, ohne Tracking, ohne Profilbildung. Die Plattform zeigt: Es geht auch anders – technikaffin, community-nah und transparent. Selbstbestimmte Navigation ist möglich – wenn man es will.
Digitale Selbstbestimmung zurückerobern
Die Natur war nie so vermessen wie heute. Und selten war es so wichtig, darüber nachzudenken, wer dabei eigentlich was vermisst – und wofür. Wer draußen unabhängig unterwegs ist, sollte auch online frei bleiben wollen. Denn echter Freiraum beginnt nicht erst auf dem Trail – sondern im Kopf. Und auf dem Server. Die Rückeroberung beginnt mit dem Format (.gpx), dem Tool (CXB) – und dem Bewusstsein: Unsere Wege sind mehr als Datenpunkte. Sie sind Ausdruck von Bewegung, von Freiheit – und von Verantwortung.
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