Warum Shimanos Klick-System mehr über Euch weiß als sein Hersteller zugibt — und warum das eine Klassenfrage ist
Keine Sorge: Das hier ist kein Parteitagsaufruf. Das SPD am Pedal hat mit der Sozialdemokratie so viel zu tun wie die Wahlplakate in Spandau mit dem Habitus ihrer Adressaten — nämlich nichts. Besitzer von Time- oder Crankbrothers-Pedalen gucken an dieser Stelle dennoch leider in die Röhre. Denn was hier zur Sprache kommt, ist ein Glücksfall, den nur Shimano-Fahrer kennen: Das SPD-Pedal öffnet Bierflaschen. Verlässlich, reproduzierbar, ohne Kraftaufwand. Man könnte es für einen Zufall halten. Das wäre ein Irrtum.
Ungetrennt und nicht vereint: Flaschenöffner und Pedale
Habt Ihr Euch eigentlich schon einmal gefragt, warum Shimanos SPD-Pedale die Form haben, die sie haben? Es ist schon bemerkenswert, wie perfekt ein handelsüblicher Kronkorken in den hinteren Teil des Klickmechanismus einrastet. Der Radius stimmt. Die Hebellänge stimmt. Der Widerstand stimmt. Wer einmal damit angefangen hat, öffnet keine Flasche mehr anders — nicht, weil er müsste, sondern weil es funktioniert, und weil dieses Funktionieren eine leise Freude auslöst, die mit dem eigentlichen Pedalieren nichts zu tun hat.

Lag vielleicht zufällig ein Flaschenöffner auf dem Tisch, als die Shimano-Entwicklungsingenieure 1988 versuchten, ein Pedal jenseits des patentierten Look-Standards zu entwickeln? Diente dieser Flaschenöffner dann etwa als Vorbild für den Shimano Pedaling Dynamics-Standard? Haben die Ingenieure sich gar gedacht: „Radfahrer sind Flaschen“? Das wird auf immer ungeklärt bleiben. Klar ist jedoch: Sie haben Generationen von Radfahrenden damit sehr glücklich gemacht — und zwar auf eine Weise, die weit über die Kraftübertragung hinausgeht.
Die Designgeschichte gibt keine Auskunft darüber. In keinem Shimano-Whitepaper wird der Flaschenöffner erwähnt. Die offizielle Entstehungslegende spricht von Mountainbike-Anforderungen, von Schlamm-Evakuierung, von der Float-Funktion, die das Kniegelenk entlastet. Alles richtig. Alles wahr. Und doch spürt jeder, der schon einmal am Waldrand steht und ein Sternburg Pilsener ohne Werkzeug öffnet, dass hier eine zweite Geschichte mitläuft — eine, die im Patent nicht auftaucht, aber auf der Hand liegt, sobald man das Pedal zum ersten Mal dafür benutzt.
Ein Werkzeug, das nur tut, wofür es gedacht ist, ist kein gutes Werkzeug. Es ist ein Produkt.
Der einverleibte Griff: Wie man mit einem Breitreifenrennrad oder MTB eine Flasche öffnet
Man stelle sich vor: Irgendwo im Nirgendwo hat sich eine Radfahrerin oder ein Radfahrer ein Getränk gekauft — und keinen Flaschenöffner zur Hand. Eine Tankstelle in Brandenburg, eine Dorfkneipe, deren Terrasse längst geschlossen hat, ein Spätkauf in Strausberg, der die Flasche schon vor dem Bezahlen hätte öffnen müssen und es einfach vergessen hat. Die Situation ist nicht konstruiert. Sie wiederholt sich jedes Wochenende zwischen Friedrichshain und Oderbruch.
Dabei reicht ein SPD-Pedal völlig aus. Ansetzen, einrasten, drehen. Drei Handgriffe, kein Kraftaufwand, kein Abrutschen, keine gezackten Kronkorkenränder, die sich in den Daumenballen drücken. Die Methode gehört zum stillschweigend weitergegebenen Repertoire der Berliner Offroad-Szene — so wie man weiß, wo der Bäcker in Buckow sonntags offen hat, und wo in Strausberg die Pumpe am Friedhof steht. Wer sie einmal gesehen hat, wendet sie an; wer sie weitergibt, tut es ohne Erklärung, meist nur durch Vormachen.
Dieses Wissen wird nicht gelehrt. Es wird gezeigt, nachgemacht, irgendwann ausgeführt, ohne noch hinzuschauen. Man lernt nicht, wie man eine Bierflasche am SPD-Pedal öffnet. Man sieht es einmal, und danach sitzt es — eine einverleibte Praxis, die den, der sie beherrscht, von dem unterscheidet, der sie noch nie gesehen hat, ohne dass einer von beiden darüber ein Wort verlieren müsste. Es ist kein Trick. Es ist ein Habitus.
Es gibt natürlich auch trendige Flaschenöffner zum Anschrauben. Als Umwerfer-Ersatz, als Aheadkappe, als Sattelstützen-Monogramm für 34 Euro in matt-schwarz. Ein Wachstumsmarkt. Kickstarter-Kampagnen mit gefrästem Titan, handcrafted in Portland, Oregon, Mindestbestellmenge 500 Stück, Lieferung in acht bis zwölf Monaten. Im Grunde braucht man solchen Schnickschnack aber nicht. Pedale hat man ohnehin dabei. Und sie sehen nicht aus, als würden sie etwas beweisen wollen.
Das ist der entscheidende Punkt. Der gefräste Titan-Flaschenöffner am Vorbau ist objektiviertes kulturelles Kapital: gekauft, sichtbar, vorzeigbar. Er sagt: „Ich gehöre dazu.“ Der Griff zum Pedal hingegen ist inkorporiertes Kapital: nicht übertragbar, nicht abonnierbar, nicht Instagram-fähig in einer Produkt-Aufnahme. Er zeigt sich nur im Vollzug, und nur dem, der ihn schon kennt. Genau deshalb sortiert er zuverlässiger als jeder Kickstarter-Aufsatz. Distinktion funktioniert über das, was nicht gekauft werden kann.
Für Garmin-Nutzer gibt es dagegen tatsächlich noch ein nützliches und dazu kostenloses Add-on: Die App Beers Earned Plus aus dem Connect-IQ-Store errechnet, wie viele Bierflaschen man sich durch den bisherigen Kalorienverbrauch bereits verdient hat. Ein Bier-Tacho am Lenker, der mit jedem Tritt zählt. Gibt es eine ehrlichere Motivationshilfe? Vermutlich nicht. Jedenfalls keine, die die kalorische Buchhaltung so entspannt mit dem Belohnungssystem verknüpft, wie es der nordeuropäische Hobbysportler seit jeher praktiziert — nur eben bisher ohne Display.
Der klassische Kronkorken (crown cork) wurde 1892 von William Painter in Baltimore patentiert. 21 gezackte Zähne, Durchmesser 26,75 mm, in Deutschland seit den 1920er Jahren Standard. Die Zahl der Zähne ist kein Zufall: Weniger schließen unsauber, mehr verformen das Glas. Genau dieser Durchmesser passt in die hintere Aussparung des SPD-Pedals. Ob das eine Parallelkonstruktion zweier unabhängiger Industriezweige ist oder stille Absicht, weiß niemand. Funktionieren tut es.
Die feinen Unterschiede: Kann ich auch mit meinem neuen Aero-Rennrad eine Flasche öffnen?
SHIMANO entwickelte SPD, um die Anforderungen einer schnell wachsenden neuen Gruppierung namens MTB zu erfüllen. […] Zugute kam dies nicht nur der Kraftübertragung, sondern auch der Kontrolle des Fahrers über sein Rad in zunehmend abenteuerlustigen Radsportdisziplinen. […] SPD ist ein System, das immer Leistung bringt.
shimano.com
Sorry, liebe Rennradfahrer: Egal welches Pedalsystem Ihr auch verwendet — Ihr müsst wohl weiter durstig bleiben. Das Rennrad der Gegenwart ist frugal, freudlos und feindlich gegenüber jeder Form von Genuss. Die Sattelüberhöhung ist gnadenlos, die Reifenfreiheit ausgerechnet, die Lenkerbreite ergoscanvermessen. Jede Toleranz wurde aus dem Material geschnitten, jede Redundanz gestrichen. Übrig bleibt ein Gerät, das sehr schnell sehr effizient ist und ansonsten nichts. Es hat keinen Ort für einen Flaschenöffner, weil es keinen Ort für irgendetwas hat, das nicht auf Strava gemessen wird.
Das ist keine technische Eigenschaft, das ist eine Klassenfrage. Der Verzicht auf Genuss, das Zählen von Watt und Gramm, die rituelle Askese des Wiegetritts — all das markiert eine Position im Feld, die sich definiert durch das, worauf sie verzichtet. Wer ein Aero-Rennrad fährt, signalisiert nicht nur, dass er schnell sein will. Er signalisiert, dass er es sich leisten kann, auf dem Rad nicht zu leben. Die Flasche Bier im Wald ist nicht sein Problem, weil der Wald nicht seine Umgebung ist. Sein Wald ist der Windkanal.
Es gibt zwei Arten, ein Werkzeug zu wählen. Die eine nimmt, was sie braucht, und macht daraus eine Tugend. Die andere nimmt, was sie nicht braucht, und macht daraus einen Stil. Das SPD-Pedal gehört zur ersten Kategorie: Es tut, was getan werden muss, und noch etwas dazu. Der gefräste Titan-Bottle-Opener gehört zur zweiten: Er tut nichts, was nicht auch das Pedal täte — aber er tut es sichtbar. Wer ihn braucht, braucht ihn nicht um des Öffnens willen.
Böse Zungen behaupten ja, dass Ihr Rennradfahrer ohnehin immer einen Zollstock dabeihabt, um nachzumessen, ob die Socken Eurer Mitfahrer die UCI-Norm erfüllen. Der würde sich immerhin auch zum Bierflaschenöffnen eignen. Allerdings mit einer gewissen Würdelosigkeit, die dem Vorgang die Poesie nimmt: Ein Zollstock ist ein Kontrollinstrument, kein Werkzeug. Er misst, aber er tut nichts. Ein Pedal tut etwas — es trägt Kraft, es verbindet Körper und Maschine, und nebenbei öffnet es eine Flasche. Das ist ein Unterschied, den man nicht in Watt ausdrücken kann.
Ein Zollstock ist ein Kontrollinstrument. Ein Pedal ist ein Werkzeug. Der Unterschied ist nicht metrisch, er ist habituell.
Der Korkenzieher aus Vicenza: eine Alternative für den Fall der Fälle
Alternativ könntet Ihr Rennradfahrer natürlich auch über die Montage von Weinflaschenhaltern nachdenken, wie sie in der goldenen Ära des Straßenradsports einmal üblich waren. Das Foto ist bekannt: Gastone Nencini, 1958, eine halbvolle Flasche Chianti in der Trikottasche, die Augen schon ein wenig glasig, der Blick fern. So fuhr man damals über die Dolomiten — mit einer Mischung aus Schmerzmittel, Kalorie und Trost (Wein in der Bidon, ein Flachmann Cognac gegen die Höhenluft, später der obligatorische Champagner vor der Königsetappe), die heute jeder Antidoping-Beauftragte in den Wahnsinn treiben würde. Nur der Korkenzieher will dann noch irgendwo untergebracht werden.
Bei der Wahl des richtigen Werkzeugs sollte man allerdings nicht beim japanischen Angelrutenhersteller schauen, sondern zum Qualitätsmodell des Traditionsherstellers aus Vicenza greifen. Seit den 60er Jahren hat Campagnolo einen eigenen Korkenzieher im Programm — nachdem, so will es die Legende, Tullio Campagnolo sich einmal an einem minderwertigen Exemplar verletzt hatte. Daraufhin soll der Erfinder des Schnellspanners gleich auch noch den Korkenzieher perfektioniert haben. Der Big-Öffner von Campagnolo zentriert sich selbst, verhindert das Abbrechen des Korkens und fasst so präzise zu, wie es die italienische Metallverarbeitung in ihren besten Jahren versprach.
Es ist eine Erzählung, die zu gut klingt, um nicht zumindest poliert worden zu sein — wie so vieles in der italienischen Radsportmythologie. Ob Tullio sich tatsächlich an einem Korkenzieher die Hand zerschnitten hat oder ob Campagnolo das Accessoire einfach als Luxuserweiterung ins Sortiment aufnahm, spielt am Ende keine Rolle. Entscheidend ist: Der Korkenzieher ist da. Er wird gebaut. Er kostet Geld. Und er sagt etwas aus über ein Radsportverständnis, das sich nicht schämt, am Ende einer langen Ausfahrt einen Barolo zu öffnen, statt einen Recovery-Shake zu trinken.
Der erhebliche Gewichtsmalus des bronzenen Korkenziehers von rund 500 Gramm ließe sich leicht durch den Verzicht auf Scheibenbremsen kompensieren. Die sind am Rennrad ohnehin überflüssig, schlagen aber mit ähnlich viel Gewicht zu Buche wie Campagnolos Korkenzieher. So bekäme man neben Tullios Korkenzieher auch seine Schnellspanner wieder mit an Bord. In der Summe wäre das ein weitaus spaßigeres und funktionaleres Rennrad, als es die gegenwärtigen Aero-Disc-Boliden je sein könnten. Zumal der Distinktionsgewinn eines rund 130 Euro teuren Korkenziehers höher ausfallen dürfte, als es bei einer hundsgewöhnlichen Dura-Ace-Scheibenbremse jemals der Fall sein könnte — und zwar aus einem schlichten Grund: Die Dura-Ace-Bremse hat jeder, den man kennt. Den Campagnolo-Korkenzieher, als Serienbauteil ans Rad geschraubt, hat niemand. Das ist der eigentliche Stoff, aus dem Distinktion gemacht wird.
Habitus und Hardware
Man könnte das alles für überzogene Deutung halten. Ein Pedal ist ein Pedal, ein Kronkorken ist ein Kronkorken, und die Pointe erschöpft sich spätestens beim dritten Bier. Aber Selbstverständlichkeiten sind selten zufällig. Was einer am Waldrand mit seinem Pedal anfängt, wenn er eine Flasche in der Hand hält, sagt etwas. Der eine greift zum Hinterrad, der andere zum Zollstock, der dritte packt die Flasche wieder ein und fährt durstig weiter. Drei Antworten auf dieselbe Situation — und jede hält sich für die einzig natürliche.
Jede Position im Feld erzeugt ihren eigenen Geschmack. Und jeder Geschmack hält sich für den natürlichen.
Shimano hat die SPD-Plattform seit über 35 Jahren nicht grundlegend verändert. Ein Cleat von 1990 rastet in ein Pedal von 2025. Es gibt kaum ein anderes Produkt in der Radsportindustrie, das eine solche Rückwärtskompatibilität über eine solche Zeitspanne durchhält — und zwar nicht aus nostalgischen Gründen, sondern weil das System einfach gut ist. Das Pedal, mit dem Euer Vater 1994 in den Dolomiten fuhr, öffnet heute noch Eure Flasche. Versucht das mal mit einem Steckverbinder aus der Smart-Bike-Welt.
Zwischen Plattform und Pedal
Ein Pedal, das seit 1988 ohne Software-Updates funktioniert und nebenbei ein Sternburg öffnet, ist in einer Radsportbranche, die ihre Kunden zu permanenten Upgradern erzieht, fast schon eine politische Aussage. Nicht, dass Shimano ein Wohlfahrtsverband wäre. Gruppen werden eingestellt, Ersatzteile werden knapp, die Firma operiert marktwirtschaftlich wie jede andere. Aber die SPD-Plattform selbst ist ein Beispiel dafür, dass ein Werkzeug gebaut werden kann, das nicht auf Obsoleszenz setzt. Das Gegenteil davon gibt es auch. Solche Pedale öffnen keine Flaschen.
Freitagabend, Strausberg, der Späti hat noch offen. Das Rad lehnt am Zaun, das Hinterrad in der Sonne, das Pedal in Reichweite. Kein Werkzeug auszupacken, kein Öffner zu suchen, kein Kassenzettel zu falten, der dann doch nicht funktioniert. Ansetzen, einrasten, drehen.
P.S.: Don’t drink and drive!

One response
Der aller wichtigste Beitrag überhaupt 🙂
Aber RR-Fahrer haben nicht unbedingt das Nachsehen, wenn sie auf Look oder SPD-SL unterwegs sind. Hier verwendet man statt der Pedale einfach die rückseitige Vertiefung in der Schuhplatte. Geht mit SPD-SL hervorragend, auch hier haben die Shimano Ingnieure wohl ans uns Bier-trinkende Radfahrer gedacht. Bei Look ist es etwas hakeliger, da die Kerbe etwas kürzer ist, geht aber auch.