Reiskuchen sind Mittagessen in Riegelform. Klebereis, gekocht und mit irgendwas vermischt — süß oder herzhaft —, in Backpapier zu einem Block gepresst, geschnitten, gegessen. Sie schmecken nach echter Mahlzeit und liegen nach acht Stunden Sattel im Magen wie Frühstück, nicht wie Treibstoff. Genau das ist der Unterschied zum Industrie-Riegel.
Dieser Artikel erklärt das Prinzip — welcher Reis, wie viel Wasser, wie es sich anfühlen muss. Konkrete Rezepte gibt es als eigene Beiträge: Sweet Rice Cake „Caribic Royal“ als süße Variante mit Mandelmus und Tropenfrüchten, Risotto Rice Cake „Porcini e Pancetta“ als herzhafte Variante mit Steinpilzen und Speck.
Inhalt
Wie der Reiskuchen in den Profi-Radsport kam
Allen Lim, US-amerikanischer Sportphysiologe, arbeitete ab Mitte der 2000er Jahre als wissenschaftlicher Leiter und Coach mehrerer Pro-Tour-Mannschaften — TIAA-CREF, Slipstream, Garmin und zuletzt RadioShack. Was er bei seinen Fahrern beobachtete: Sie aßen pflichtbewusst Industrieriegel und Gels, vertrugen sie aber nach drei Stunden Belastung kaum noch. Trockenes, hartes Zeug, das im Magen lag wie Backstein, sagten sie.
Lim begann, einen Reiskocher mit auf die Tour zu nehmen. Im Hotelzimmer kochte er Klebereis, mischte ihn mit Marmelade oder Mandelmus, presste die Masse in Backpapier und schickte die fertigen Riegel mit den Fahrern auf die Etappe. Es funktionierte. Die Beschwerden über Magenprobleme verschwanden, die Direktoren und Mechaniker im Teamwagen aßen aus Versehen die Vorräte der Fahrer auf, weil das Zeug einfach gut schmeckte.
2013 erschien gemeinsam mit dem Koch Biju Thomas das Buch Feed Zone Portables, das die Methode öffentlich machte. Inzwischen sind Rice Cakes in der Radsport-Verpflegung Standard — Lim selbst hat 2012 die Pro Tour verlassen und die Sporternährungsfirma Skratch Labs gegründet. Die Anekdote vom Asian-American-Wissenschaftler, der mit einem Reiskocher durch die Tour de France reist, gehört in die Folklore des modernen Radsports.
Im Gefüge der hier vorgestellten Rezepte sind Rice Cakes die Mahlzeit. Das Bananenbrot ist die gebackene Variante derselben Idee, der Honigriegel arbeitet ohne Wasser, dafür mit einer Honig-Bindung statt Reisstärke. Wer alle drei kennt, hat die Distanzbereiche der CXBerlin-Saison gut abgedeckt: kurze Grevets ab 150 km, mittlere mit 200 km, lange mit 400 km und Supergrevets bis 830 km — alles vom halben Tag bis zur Mehrtagesfahrt.
Wichtig zu verstehen: Mit zunehmender Distanz nimmt der Anteil des Selbstgebackenen am Tagespensum ab. Auf 150 km kann man sich rein aus dem Trikot ernähren. Auf 200 km kommt schon ein Maltodextringetränk im Bottle dazu, dazu der eine oder andere Stopp am Bäcker. Ab 400 km wird die Verpflegung zum Mischkonzept aus Selbstgebackenem (für die erste Hälfte und als Trikot-Vorrat), Maltodextrin (kalorischer Backbone), warmen Mahlzeiten an Tankstellen und Bäckereien, plus dem Notfall-Trio Banane-Cola-Salzstangen. Im CXBerlin-Vorbereitungshandbuch steht der Satz, der die ganze Strategie zusammenfasst: „Wenn nichts mehr geht: Banane, Cola, Salzstangen. Du brauchst kein Sportfood. Du brauchst Energie.“
Auf Supergrevet-Distanzen wird das Mischkonzept zwingend. Drei Gründe: Erstens braucht der Kopf Abwechslung. Wer 24 Stunden lang die gleichen Reiskuchen isst, schmeckt sie irgendwann nicht mehr — die Geschmacksermüdung ist mental, nicht körperlich, und sie kommt verlässlich nach acht bis zwölf Stunden. Zweitens werden Platz und Gewicht zum harten Argument. Eine Tagesration Selbstgebackenes wiegt schnell ein Kilogramm und braucht zwei Trikottaschen — dieselbe Energiemenge als Maltodextrin-Pulver passt in einen 200-Gramm-Beutel. Drittens werden Tankstellen und Bäckereien zur eigentlichen Versorgungsstrategie, weil sie Wärme, Vielfalt und Kalorien-pro-Euro liefern, die kein Trikot-Snack ersetzen kann. Wer das ignoriert, läuft in den klassischen Bonk — und der ist kein gastronomisches Problem, sondern ein medizinisches.
Die ehrliche Schlussfolgerung: Auf langen Distanzen ist Selbstgebackenes der Geschmacksanker, nicht der Energieträger. Es bringt das, was Sportnahrung nicht kann — Vertrautheit, Vielfalt, das Gefühl, etwas Echtes zu essen. Den eigentlichen Kalorienbedarf decken konzentrierte Lösungen: Maltodextrin im Bottle, Gels und Iso-Tabletten in der Trikottasche, warme Mahlzeiten an den Versorgungspunkten. So funktioniert das Mischkonzept.
Wer einmal nach acht Stunden Sattel einen lauwarmen Reiskuchen mit Speck gegessen hat, isst keinen Industrieriegel mehr ohne Vorbehalt.


Die Wahl der Reissorte
Es muss Klebereis sein. Das ist kein Stilmittel, das ist Bedingung. Basmati, Jasmin, Parboiled, Vollkornreis — alle haben zu wenig Amylopektin in der Stärke, um eine zusammenhängende Masse zu bilden. Wer mit Basmati versucht, einen Riegel zu pressen, hat hinterher einen Hügel Reiskörner.
Zwei Sorten sind im normalen Handel verfügbar und beide funktionieren. Sushi-Reis (Rundkorn, milder Geschmack, leichter zu beherrschen) ist der Anfänger-Klassiker. Thai-Klebereis (Langkorn, etwas süßer und klebriger) ist die etwas tradiertere Variante — er wird in Südostasien für genau diese Art von gepressten Reisspeisen verwendet. Im Asia-Markt gibt es exotischere Sorten wie schwarzen Klebereis. Sehen spektakulär aus, sind aber schwerer in Wassermenge und Konsistenz zu beherrschen — nichts für die erste Charge.
„Sushi-Reis“ oder „Klebereis“ — sonst ist es kein Klebereis. Milchreis geht zur Not, ist aber zu mehlig. Risotto-Reis (Arborio, Carnaroli) hat eine andere Stärkecharakteristik und bindet zwar, ist aber nur für deftige Varianten gedacht, die geschmacklich ohnehin Richtung gepresstes Risotto gehen — was kein Nachteil ist.


Den Reis kochen
Mit Reiskocher: Reis, Wasser, Salz, ggf. weitere Zutaten in den Topf, Programm „Standard“ oder „Sushi“ wählen, einmal zwischendurch umrühren, fertig. Für jeden, der häufiger Reiskuchen macht, lohnt sich die Anschaffung — ein einfaches Modell ab 30 Euro nimmt einem die Geduldsarbeit ab und produziert sehr verlässliche Ergebnisse.
Ohne Reiskocher: Reis mit Wasser und Salz im Topf einmal aufkochen, Hitze auf Minimum, mit geschlossenem Deckel 10 bis 15 Minuten köcheln lassen. Gelegentlich umrühren, damit der Boden nicht ansetzt. Anschließend weitere 10 bis 15 Minuten ohne Hitze geschlossen ruhen lassen — der Reis nimmt das restliche Wasser auf. Der Deckel bleibt zu, sonst verdampft die Feuchtigkeit, die der Reis aufnehmen soll.
Was am Ende dabei herauskommen soll: eine feuchte, formbare, klebrige Reismasse. Mit einem Holzlöffel oder Kochbrettheber lässt sich daraus ein Ball formen, der zusammenhält, ohne dass man ihn pressen müsste. Die Körner kleben aneinander, bleiben aber sichtbar — keine glatte Reisbreimasse, keine trockenen Einzelkörner, sondern der Punkt dazwischen.
Das Fine-Tuning entscheidet sich bei der Wassermenge. Weniger Wasser ergibt einen kompakteren, festeren Reis, der eher trocken-klumpig wird. Mehr Wasser ergibt eine weichere Masse mit erkennbaren, glänzenden Körnern — meine Vorzugsvariante, weil der Reiskuchen feuchter und im Mund angenehmer wird. Andere Zutaten bringen ebenfalls Flüssigkeit ein. Brühe, Marmelade, Mandelmus, eingeweichtes Pilzwasser zählen zur Gesamtflüssigkeit. Eine Faustregel zum Einstieg: 200 g Reis auf 360 ml Wasser, dann anpassen.
Wer den Reiskuchen nach dem Mischen in den Ofen schiebt, macht den klassischen Anfängerfehler. Er wird zu trocken und auf der Tour schwer essbar — gerade dort will man genau das Gegenteil, einen feuchten Riegel, der ohne Trinken den Hals runtergeht. Eine ausreichende Festigkeit erreicht der Reis schon allein durch das Aushärten beim Abkühlen. Das passiert von selbst, im Backpapier, ohne Zutun.
Wenn der Riegel fertig und ausgehärtet ist, lässt er sich mit dem Küchenmesser sauber durchschneiden — die Schnittkante ist glatt und leicht glänzend. Verdrängt das Messer die Reiskörner statt sie zu durchtrennen, ist die Konsistenz noch nicht richtig: zu viel Feuchtigkeit, zu wenig Bindung. In dem Fall einfach länger ruhen lassen, oft auch eine Stunde mehr.


Die Formel: Reis plus X
Bis zu einem Drittel des Reises (Volumen, nicht Gewicht) lässt sich durch andere Kohlenhydratquellen ersetzen, ohne dass die Bindung leidet. Bei süßen Reiskuchen sind das vor allem Hafer-, Dinkel- oder Mehrkornflocken, gegebenenfalls im Mixer kurz zerkleinert, sowie Porridge- oder Müslimischungen. Bei deftigen Reiskuchen funktionieren Linsen, Quinoa, kleinteilige Pasta wie Buchstabennudeln, Hirse oder Polenta.
Mehr als ein Drittel ist riskant. Die Bindung kommt aus der Reisstärke; je mehr andere Zutaten, desto mehr arbeitet das Gefüge gegen sich. Wer experimentiert, macht erst eine kleine Probecharge, bevor er eine ganze Tagesration produziert.
Was die Geschmackszutaten angeht: Faustregel ist, ungefähr die gleiche Trockenmenge an Zusatzzutaten zu nehmen wie an Reis. Bei 200 g Reis also 200 g Rest, verteilt auf zwei bis fünf Komponenten. Süß-Beispiel: 60 g Rosinen, 60 g Rohrzucker, 60 g Mandelsplitter, 20 g Kokosöl. Deftig: 60 g Pilze, 60 g Zwiebeln, 40 g Speck, 40 g Parmesan. Wichtig ist immer ein bisschen Fett oder Öl in der Mischung — pures Kohlenhydrat-Gewicht ermüdet den Magen schneller, als man denkt.
Bei deftigen Varianten ist es eine kleine Aufwertung, das Kochwasser durch Brühe zu ersetzen — Gemüse, Hühner oder Rind, je nach Richtung. Salz dann weglassen oder reduzieren. Kräuter und Gewürze sind erlaubt, aber sparsam dosieren: was zu Hause ausgewogen schmeckt, ist unter Belastung schnell zu viel.


Die Kunst der Verpackung
Die Verpackung ist nicht Beiwerk. Sie ist die Hälfte der Funktion. Ein Reiskuchen ohne saubere Hülle wird in der Trikottasche zu einem Klumpen, der zwischen den Fingern zerbricht, an der Trikotinnenseite klebt und am Ende nicht mehr essbar ist.
Zwei Optionen funktionieren. Die ökologische Variante ist einfaches Backpapier oder Butterbrotpapier, einzeln gewickelt — kompostierbar, geruchsneutral, billig. Die komfortable Variante sind Backpapier-Alufolie-Kombiprodukte (im Handel als „2-in-1-Folie“ oder ähnlich erhältlich), die auch nasses Wetter durchhält und die Feuchtigkeit besser im Riegel hält. Wer aufs Reine setzt, bleibt beim Papier — der Riegel darf etwas trockener werden, dafür wandert keine Aluminiumfolie auf den Müll.
Die ungeschlagene Falttechnik kommt aus den USA, von Skratch Labs (also wieder von Allen Lim). Sie funktioniert nach dem Prinzip eines Origami-Päckchens: Backpapier zum Quadrat falten, Riegel in die Mitte legen, gegenüberliegende Ecken übereinander, Enden umschlagen. Das Paket öffnet sich auf dem Rad mit einer Hand durch einen einzigen Zug. Wer das Video noch nicht gesehen hat: Anleitung mit Demonstration auf YouTube, knapp drei Minuten, auf Englisch, sehr anschaulich.
Sechs Reiskuchen pro Tagesetappe sind eine brauchbare Faustregel — gut für mittlere Grevets (200 km, etwa 10–14 Stunden). Auf kurzen Grevets (150 km) reichen drei bis vier. Auf langen Grevets (400 km) sind vier bis sechs realistisch, ergänzt um Maltodextringetränk und Tankstellen-Stopps — alles selbst tragen wäre weder vom Volumen noch geschmacklich machbar. Bei Supergrevets bis 830 km wird pro Übernachtungsort nachproduziert oder der Reiskuchen-Anteil reduziert zugunsten von warmen Mahlzeiten unterwegs. Drei oben in der mittleren Trikottasche, drei unten — die obere Lage isst man zuerst, die untere bleibt gepolstert. Eine kleine Plastiktüte als Schweißschutz lohnt sich; der Schweiß einer langen Tour weicht sonst auch das beste Backpapier durch. Wer ohne Plastik arbeitet: Wachstuchbeutel funktionieren auch.


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Konkrete Reiskuchen-Rezepte mit Mengenangaben, Zubereitungsschritten und Kostenrechnung in eigenen Beiträgen: Sweet Rice Cake „Caribic Royal“ mit Mandelmus, Feigenmarmelade und Tropenfrüchten — der süße Klassiker für die ersten Stunden. Und Risotto Rice Cake „Porcini e Pancetta“ mit Steinpilzen und Speck — der herzhafte Cousin für die zweite Tageshälfte.
Innerhalb der Serie Saubere Energie sind die Reiskuchen die größere Mahlzeit. Wer kleinere Snacks für zwischendurch braucht: Honigriegel für die Trikottasche, Energiebällchen aus Datteln als Snack ohne Backen, Bananenbrot als gebackene Mittelklasse zwischen Snack und Mahlzeit.
Häufige Fragen
Welcher Reis funktioniert für Rice Cakes?
Es muss Klebereis sein. Sushi-Reis (Rundkorn, milder, leichter zu beherrschen) oder Thai-Klebereis (Langkorn, etwas süßer und klebriger) sind die zwei zugänglichen Varianten im normalen Handel. Basmati, Jasmin, Parboiled oder Vollkornreis funktionieren nicht — ihre Stärke bindet zu wenig, der Riegel zerfällt zwischen den Fingern.
Muss ich die Reiskuchen backen?
Nein, im Gegenteil. Wer den Reiskuchen nach dem Mischen in den Ofen schiebt, macht den klassischen Anfängerfehler — er wird zu trocken und auf der Tour schwer essbar. Die Festigkeit kommt durch das Aushärten beim Abkühlen, nicht durch Hitze. 30 Minuten bis mehrere Stunden im Backpapier reichen aus.
Wie lange halten Rice Cakes ohne Kühlung?
Bei Raumtemperatur einzeln in Backpapier verpackt etwa zwei Tage, dann werden sie zunehmend trocken. Im Kühlschrank halten sie drei bis vier Tage. Einfrieren funktioniert nicht gut — die Konsistenz wird mehlig und brüchig. Auf Mehrtagesfahrten produziert man pro Übernachtungsort frisch nach.
Was tun bei nicht-bindender Reismasse?
Meist liegt es an zu viel Wasser oder zu wenig Klebereis-Anteil. Wenn die Masse beim Anschneiden die Körner verdrängt statt sie zu durchtrennen, ist sie noch zu feucht — länger ruhen lassen, oft hilft eine zusätzliche Stunde. Wer sicher gehen will: weniger Wasser beim nächsten Mal, etwa 1:1,7 statt 1:1,8 Reis zu Wasser.
Brauche ich einen Reiskocher?
Nein, aber er erleichtert die Sache erheblich. Im Topf mit Deckel funktioniert es genauso, dauert nur etwas länger und braucht Aufmerksamkeit. Ein einfacher Reiskocher ab 30 Euro nimmt einem die Geduldsarbeit ab und produziert sehr verlässliche Ergebnisse — sinnvoll, wenn man Rice Cakes häufiger macht.

One response
Cool! Wird ausprobiert. Weiß zwar nicht, warum man das so verpacken soll, wie im Video gezeigt, aber macht ja nichts, das auch auszuprobieren 🙂