Übersicht
Du brauchst kein Heldentum und keine 1.500 Euro – du brauchst ein durchdachtes Zwiebelsystem statt einzelner Hightech-Teile.
- Zwiebelprinzip schlägt Hightech-Einzelteile: Basisschicht (Thermo-Unterhemd), Isolierung, winddichte Außenschicht, plus eine Reserve für Pausen.
- Bei den Füßen anfangen: Winterschuhe sind die lohnendste Investition – Überschuhe taugen im Gelände kaum, sie hängen nach ein paar Laufpassagen als Fetzen unter den Füßen.
- Kontrasaisonal kaufen: im Frühjahr, wenn die Winterware abverkauft wird.
- Lieber leicht frösteln als durchschwitzen – nasse Kleidung kühlt gnadenlos aus.
- Nässe schlägt Kälte: ein nasser Tag bei 5 °C ist fieser als ein trockener bei −2 °C. Die genaue Outfit-Staffelung steht im Temperatur-Spicker weiter unten.
Einleitung: Cross ist eine Wintersportart
Mit kurzer Hose und kurzem Trikot durch den bunten November-Wald zu ballern ist mittlerweile kein Sommernachtstraum mehr, sondern oft genug Realität. Trotz Klimawandel wird es aber noch ein paar Jahre dauern, bis zwischen Cottbus und Eberswalde die ersten Bananenplantagen und Olivenhaine profitabel werden. Insofern sind die Bemühungen, Cyclocross als olympische Wintersportart anerkennen zu lassen, weiterhin gut begründet. Bis zum ganzjährigen Radfahren bei tropischen Temperaturen teilen wir hier ein paar Tipps, die euch warm und trocken durch die Cross- und Wintergravelsaison bringen. Denn an dem abgegriffenen Spruch, es gebe kein schlechtes Wetter, nur falsche Kleidung, ist tatsächlich etwas dran.
Vorab, ganz ehrlich: Ein voller Satz hochwertiger Winterbekleidung ist eine Investition, und Radsport ist ohnehin kein billiges Hobby. Gute Winterschuhe allein kosten schnell 300 Euro aufwärts – das hebt die Einstiegshürde spürbar an. Wenn die Euros gerade nicht locker sitzen, lautet unser Rat: erstens kontrasaisonal kaufen, also im Frühjahr, wenn die Winterware abverkauft wird. Und zweitens auf das Zwiebelprinzip und multifunktionale Kombinationen setzen statt auf einzelne teure Hightech-Teile.
Und noch eine Sache, bevor es losgeht: Winterradfahren hat ein Image-Problem. Es gilt als hart, asketisch, ein bisschen verbissen – die Disziplin der Leute, die bei Schneeregen freiwillig vor die Tür gehen und das hinterher auch alle wissen lassen. Diese „Belgian hardman“-Romantik, das Posieren mit dem Leiden, ist unterhaltsam, aber sie schreckt mehr Leute ab, als sie anzieht. Sie suggeriert außerdem, man brauche für den ersten Winterausritt eine vierstellige Materialschlacht. Beides stimmt nicht. Du brauchst kein Heldentum und keine 1.500 Euro, um im November durch den Grunewald zu fahren. Du brauchst trockene Füße, einen warmen Kern und die Erlaubnis, an einem richtig fiesen Tag auch mal zu Hause zu bleiben. Gerade Gravel hat die Einstiegshürde gesenkt – langsamer, geselliger, weniger auf die Sekunde getrimmt als der Cross-Wettkampf. Genau das macht es im Winter so brauchbar.
Du brauchst kein Heldentum und keine 1.500 Euro, um im November durch den Grunewald zu fahren. Du brauchst trockene Füße, einen warmen Kern und die Erlaubnis, an einem fiesen Tag zu Hause zu bleiben.



Einige Unterscheidungen: Training vs. Wettkämpfe, Cyclocross vs. Gravel
- Touren und Training: Hier brauchst du eine breite, vielseitige Palette. Das Zwiebelprinzip spielt seine Stärke voll aus – von der schweißableitenden Basisschicht bis zur Daunenjacke für Pausen kannst du flexibel auf Wetterwechsel reagieren und bleibst trotzdem komfortabel unterwegs.
- Wettkämpfe: Rennen verlangen eine Ausrüstung, die auf Umgebung und die teils hohe Intensität abgestimmt ist.
- Cyclocross-Rennen sind kurz und hart: hohe Geschwindigkeit, ständiges Ab- und Aufsteigen vom Rad. Das verlangt leichte, aber schützende Kleidung mit voller Bewegungsfreiheit – typischerweise einen Crosseinteiler. Selbst unter dem Gefrierpunkt reicht oft kurz geschnittene Kleidung, weil die Intensität von innen heizt. Wichtig ist Grip an den Schuhen, weil du oft vom Rad springst; bei Eis und Schnee können auch Spikereifen sinnvoll sein.
- Gravel-Rennen oder Grevets: länger, die Strecken vielfältiger. Hier darf die Kleidung etwas bequemer sein, weil du lange im Sattel sitzt. Wärmeisolierung und Wetterschutz bleiben wichtig, aber die Ausrüstung muss weniger auf Wendigkeit getrimmt sein, weil das Tempo in der Regel niedriger liegt als im Cross.
Zwiebelprinzip
Es hat sich bewährt, auf ein modulares Zwiebelsystem zu setzen statt auf einzelne Hightech-Teile mit vermeintlichen Superkräften. Drei Schichten plus eine Reserve:
- Basisschicht: atmungsaktive Funktionsunterwäsche – Merinowolle oder ein gutes Synthetikgewebe. Leitet Schweiß von der Haut weg und hält dich trocken. Die wichtigste und am meisten unterschätzte Schicht.
- Isolierschicht: Fleece, Softshell oder Thermo-Trikot, um Wärme nah am Körper zu halten.
- Äußere Schicht: wasserdichte, atmungsaktive Jacke gegen Wind, Regen und Schnee. Wichtig: ausreichend Belüftung, damit die Feuchtigkeit von innen rauskommt.
- Reserve: eine Überwurf-Thermoschicht für Standzeiten und Pausen, etwa eine leichte Daunenjacke. Genau dann, wenn du nicht mehr trittst, kühlst du aus.
Die einzelnen Bekleidungselemente
Winterschuhe
Wir zäumen das Pferd von hinten auf und fangen bei den Füßen an, weil die schwächer durchbluteten Extremitäten in der Regel am kritischsten sind.
Überschuhe funktionieren auf der Straße, im Gelände sind sie meist nur eine günstige Notlösung: Nach ein paar Laufpassagen hängen sie als Fetzen unter den Füßen. Wasserdichte Socken sowie chemische oder elektrische Wärmepads haben sich bei uns ebenfalls nicht bewährt. Spar dir das Aufrüsten der Sommerschuhe und investiere stattdessen gleich in richtige Winterschuhe.
Überschuhe auf der Straße: ja. Im Gelände hängen sie nach ein paar Laufpassagen als Fetzen unter den Füßen.
Im Cyclocross steckst du dann im klassischen Dilemma: Entweder sind die Schuhe warm und dicht, dafür weniger agil und bei 0 bis 10 Grad zu warm – oder sie sind leicht und laufpassagentauglich, dafür unter null zu kalt. Sauber lösen lässt sich das oft nur mit zwei Paar Schuhen: eines für den Bereich von etwa 12 bis 4 Grad, eines für 4 bis minus 15 Grad. Auch hier gilt: kontrasaisonal im Frühjahr kaufen.


Socken
Bei Kälte und Nässe spielen Socken eine größere Rolle, als man denkt. Merinowolle ist hier die naheliegende Wahl: Die feinen Fasern bilden eine isolierende Luftschicht, die Körperwärme hält und überschüssige Feuchtigkeit ableitet. Das beugt kalten Füßen vor.
Dazu kommt das gute Feuchtigkeitsmanagement: Merino nimmt erstaunlich viel Feuchtigkeit auf, ohne sich klamm anzufühlen, und transportiert Schweiß von der Haut weg. Und anders als Synthetik nimmt Wolle kaum Geruch an – auf längeren Touren ein echter Vorteil.


Kurz: Merinosocken vereinen Wärme, Feuchtigkeitsregulierung und Geruchsneutralität – eine kleine, lohnende Investition für jede Wintertour.
Gaiter
Ein Gaiter ist im Grunde ein wasserdichter Dachziegel für deine Schuhe. Er sitzt straff zwischen Beinwärmer und Schuh, leitet Wasser über die Verbindung ab und verhindert, dass es durch die Lücken nach innen läuft. Das Ergebnis: trockene Füße, etwas zusätzliche Isolierung gegen Kälte und spürbar mehr Komfort bei Nässe – simpel und wirkungsvoll.

Dedizierter Cyclocross-Schuh mit Gaiter
Hose
- 3/4-Hosen:
- Länge: reichen bis zum unteren Unterschenkel.
- Vorteile:
- mehr Wärme als kurze Hosen,
- bessere Belüftung und Beweglichkeit als lange Hosen,
- ideal für Übergangszeiten mit milden Temperaturen.
- Lange Thermohosen:
- Länge: über die gesamte Beinlänge.
- Vorteile:
- maximale Wärmeisolierung,
- geeignet für sehr kalte Bedingungen,
- decken das ganze Bein ab.
- Überziehhosen (über die normale Radhose):
- Funktion: Hosen ohne Polster, die über einer normalen Radhose getragen werden.
- Vorteile:
- schnelles An- und Ausziehen, gut bei wechselnden Bedingungen,
- zusätzlicher Schutz vor Wind und leichtem Regen,
- ideal für unvorhersehbares Wetter und Reisen,
- preisbewusste Wahl – bei einem Sturz geht meist nur die Überhose kaputt, und man kann darunter auch nicht mehr ganz blickdichte kurze Hosen weitertragen.
Welche Variante passt, hängt von persönlichen Vorlieben, Wetter und der geplanten Tour ab. Kombinationen sind oft sinnvoll, um flexibel zu bleiben, wenn das Wetter unterwegs umschlägt.
(Kurze) Regenhose
Kurze Regenhosen schützen vor Spritzwasser, lassen aber die Bewegungsfreiheit beim Treten und sorgen für Luftaustausch. Sie sind schnell an- und ausgezogen, leicht und klein zu packen – ideal für kurze Schauer und nasse Abschnitte.
Lange Regenhosen sind dagegen kaum atmungsaktiv: Man schwitzt schnell, und das System läuft von innen voll. Sie eignen sich eigentlich nur für kurze Wege, etwa den Arbeitsweg. Tipp: Wer eine ungenutzte lange Regenhose im Schrank hat, schneidet ihr einfach die Beine ab.


Langarm-Unterhemd
Das Thermo-Unterhemd ist günstig, entscheidend und wird ständig unterschätzt. Der enge Schnitt hält die Körperwärme nah am Körper, und das Material leitet Feuchtigkeit von der Haut weg, bevor sie auskühlt. Genau das macht es zur wichtigsten Basisschicht im Zwiebelprinzip: wärmen und gleichzeitig den Schweiß abtransportieren. Wer bei wechselnden Bedingungen flexibel und warm bleiben will, fängt hier an.
Regentrikot


Regentrikots sind im unbeständigen Winterwetter ein Muss. Sie schützen vor Regen und bleiben dabei atmungsaktiv. Die enge Passform minimiert Wasseransammlungen und Windwiderstand; elastische Bündchen, verschweißte Nähte und reflektierende Elemente sorgen für zusätzlichen Schutz und Sichtbarkeit.
Vor gut einem Jahrzehnt hat eine neue Generation halbwasserdichter, atmungsaktiver Regentrikots das Bild verändert und gehört seitdem zur Standard-Ausstattung. Besonders clever ist die Kombination aus einem Kurzarm-Regentrikot mit wasserabweisenden Armlingen: flexibel von Novemberregen bis Aprilwetter. Das Kurzarm-Design belüftet gut, die abnehmbaren Armlinge geben bei Bedarf zusätzlichen Schutz – leicht, platzsparend und in Sekunden an die Bedingungen angepasst. Inzwischen gibt es solche Regentrikots auch in Langarmvarianten.
Langarm-Jersey
Langarm-Jerseys isolieren gut und halten den Oberkörper bei kühleren Temperaturen warm. Sie schützen vor kaltem Wind und regulieren die Temperatur angenehm – die unaufgeregte Allzweckwaffe für trockene, kalte Tage.
Regenjacke
Eine hochwertige Regenjacke gehört bei schlechtem Wetter immer ins Gepäck. Sie muss zuverlässig wasserdicht sein und gleichzeitig atmungsaktiv, damit das Klima darunter erträglich bleibt – der ewige Zielkonflikt jeder Regenbekleidung. Bei den Membranen hat sich einiges getan: Über Jahre galten besonders leichte, beschichtungsfreie Außenmaterialien als das Nonplusultra, an denen der Regen einfach abperlt. Einige der bekanntesten dieser Membranen sind inzwischen aus Umweltgründen (Stichwort PFC-freie Umstellung) vom Markt verschwunden. Beim Neukauf lohnt sich daher der Blick auf die aktuell verfügbaren, möglichst fluorcarbonfreien Nachfolge-Technologien – die Hersteller arbeiten gerade an Ersatz, und das Feld ist in Bewegung.


Neben Wasserdichtigkeit und Atmungsaktivität zählt die Winddichtigkeit: Kalter Fahrtwind verstärkt den Wärmeverlust, deshalb taugt eine gute Regenjacke auch als Windschutz auf langen Abfahrten. Sie sollte leicht und kompakt sein, damit sie unbenutzt klein in der Tasche verschwindet, und genug Bewegungsfreiheit lassen, um nicht einzuengen.
Die ideale Regenjacke ist also ein Kompromiss: dicht genug, um trocken zu bleiben, atmungsaktiv genug, um nicht von innen nass zu werden, und winddicht genug, um auf der Abfahrt nicht durchzufrieren.
Thermojacke


Eine unverzichtbare Ergänzung bei kalten Temperaturen. Die Thermojacke isoliert, bleibt atmungsaktiv und schützt vor Wind, ohne durch zu viel Gewicht die Bewegungsfreiheit einzuschränken – der Arbeitskittel für richtig kalte Tage.
Weste
Die Radweste ist die heimliche Allzweckwaffe: eine leichte Isolationsschicht, die Oberkörper und Rumpf vor Wind und Kälte schützt, ohne die Arme einzuschränken. Kompakt zu verstauen, schnell übergezogen – ideal, wenn das Wetter unentschieden ist.
Beim Kauf zählen vor allem: präzise Passform, atmungsaktives und strapazierfähiges Material, leichter Verschluss und Wetterbeständigkeit.
Radhandschuhe
Beim Handschuh kommt es auf die Passform an: weder zu eng noch zu locker. Das Material sollte atmungsaktiv und gleichzeitig strapazierfähig sein – Schutz, ohne dass die Hände drin kochen.
Liner sind eine clevere Ergänzung. Diese dünnen Innenhandschuhe trägt man bei milden Bedingungen allein oder bei Kälte unter dem Haupthandschuh als zusätzliche Isolationsschicht. Ihr unterschätzter Vorteil zeigt sich genau dann, wenn man die dicken Handschuhe ausziehen muss – etwa um das Navi zu bedienen, einen Riegel auszupacken oder den Reifendruck zu prüfen. Mit Liner bleibt die Hand dabei bedeckt und kühlt nicht jedes Mal komplett aus. Über die Fahrt summiert sich das: Wer ständig mit nackten Fingern hantiert, friert irgendwann durchgehend. Mit Liner bleibt die Hand auf Betriebstemperatur.
Polster an den richtigen Stellen dämpfen Vibrationen und erhöhen den Komfort auf langen Fahrten. Ein sicherer, leicht zu bedienender Verschluss hält den Handschuh dort, wo er hingehört. Und bei der Wetterbeständigkeit gilt das Naheliegende: wasserdicht oder wasserabweisend für Regen, gut belüftet für mildere Tage.
Wer sich auch bei nass-kalten Bedingungen rauswagt, ist mit Neopren-Handschuhen gut beraten:
- Wärmespeicherung: Neopren hält die Wärme effektiv und schützt die Hände vor dem Auskühlen.
- Wasserabweisend: Neopren behält seine isolierende Wirkung auch bei Regen und Nässe.
- Flexibilität: bleibt geschmeidig und lässt genug Gefühl für die volle Kontrolle über das Rad.
Schlauchtuch
Das Schlauchtuch ist das flexibelste Accessoire im Winterarsenal – aus Mikrofaser oder Merinowolle, tragbar als Halstuch, Kopfbedeckung oder Gesichtsschutz. Die Merinovariante reguliert Wärme und Feuchtigkeit von Natur aus, schützt vor Wind und nimmt kaum Schweißgeruch an. Leicht, kompakt, vielseitig.
Mütze


Über den Kopf geht relativ viel Wärme verloren – viel Blut, dünne Haut. Eine geeignete Kopfbedeckung reduziert diesen Verlust und hält den ganzen Körper wärmer. In der Übergangszeit reicht eine klassische Racecap; für schlechtere Bedingungen ist eine Winterradmütze im belgischen Stil ideal. Und ja, die Belgier wissen nun mal am besten, wie man bei Schlamm und Schnee Rad fährt – die ganze Hardman-Romantik kommt schließlich aus genau dieser Ecke. Man darf das ruhig augenzwinkernd tragen: Die Mütze wärmt auch dann, wenn man auf den dazugehörigen Härte-Kult gut verzichten kann. Die belgische Radcap hat im Unterschied zur einfachen Racecap einen langgezogenen Kragen, der die Ohren bedeckt. Aus hochwertiger (Merino-)Wolle bietet sie:
- Isolierung: hält den Kopf auch bei Kälte und Wind warm.
- Winddichtigkeit: das Design mit Schirm schützt vor eisigem Wind und Spritzwasser.
- Mittlerer Regenschutz: Merinowolle trotzt leichtem Regen und bleibt atmungsaktiv.
- Atmungsaktivität: angenehm zu tragen, auch bei intensiver Belastung.
- Kombinierbarkeit: passt mühelos unter den Helm.
- Style 🙂
Brille
Im Winter wird die Brille oft vergessen – dabei ist sie hier nützlicher als im Sommer. Spritzwasser von nassen Wegen, aufgewirbelter Schlamm, tiefstehende Wintersonne, die quer über den Acker blendet, und der Fahrtwind, der bei Kälte die Augen tränen lässt: Gegen all das hilft eine Brille. Entscheidend ist das richtige Glas. Dunkle Sommergläser sind im November-Grau wertlos; sinnvoll sind klare oder leicht getönte Scheiben, idealerweise photochrome (selbsttönende) Gläser, die sich an wechselndes Licht anpassen. Wer im Wald und auf Schlammpassagen unterwegs ist, schätzt zudem eine Beschichtung gegen Beschlagen – nichts ist nerviger als eine zugedampfte Brille, sobald man am Anstieg langsamer wird.
Helm
Der Sommerhelm funktioniert auch im Winter – aber genau seine vielen Belüftungsöffnungen, die im Juli gewünscht sind, lassen im Januar die Wärme entweichen. Wer einen Aero-Helm besitzt, hat im Winter einen unerwarteten Vorteil: Die geschlossenere Schale mit ihren wenigen Lüftungsschlitzen hält den Kopf von Haus aus wärmer als ein hochventilierter Kletterhelm. Die einfachste Lösung für jeden Helm ist aber die bereits erwähnte dünne Unterziehmütze, am besten aus Merino, die unter den Helm passt, ohne dass man ihn größer einstellen muss. Wer es ganz konsequent mag, klebt bei eisigen Temperaturen die vorderen Lüftungsschlitze mit etwas Tape ab – ein alter Trick aus dem Bahn- und Wintertraining. Auf den Helm zu verzichten, weil eine dicke Mütze wärmer wäre, ist dagegen keine Option. Lieber die Mütze dünner wählen und den Kopf geschützt lassen.
Schnellübersicht: Was ziehe ich bei welcher Temperatur an?
Die folgende Staffelung ist ein grober Anhaltspunkt fürs Training und für Touren, kein Gesetz. Sie gilt für moderate bis zügige Fahrt – im Cross-Rennen liegt man wegen der höheren Intensität meist ein bis zwei Schichten darunter. Eigenes Kälteempfinden, Wind und Nässe verschieben die Grenzen. Und: Lieber zu Beginn leicht frösteln, als nach zehn Minuten durchgeschwitzt zu sein.
Lieber zu Beginn leicht frösteln, als nach zehn Minuten durchgeschwitzt zu sein. Nasse Kleidung kühlt gnadenlos aus.
Über 12 °C – Kurz-/Übergangsbereich: kurze oder 3/4-Hose, Kurzarmtrikot plus Armlinge, leichte Weste in der Tasche. Sommer- oder gut belüftete Schuhe, kurze Handschuhe.
12 bis 7 °C – Übergang: lange oder 3/4-Hose, Langarm-Jersey oder Trikot mit Armlingen, Weste oder Windjacke. Leichte Vollfingerhandschuhe, dünne Mütze unter dem Helm, leichte Schuhe ggf. mit Überschuhen.
7 bis 3 °C – Kernwinter: lange Thermohose, Thermo-Unterhemd plus Langarm-Jersey, Thermojacke oder Regen-/Windjacke obenauf. Winterhandschuhe, belgische Wintermütze, Winterschuhe (der „wärmere“ der zwei Schuhe), Schlauchtuch.
3 bis -5 °C – Tiefwinter: lange Thermohose (ggf. plus Überziehhose), Thermo-Unterhemd, Langarm-Jersey und Thermojacke, Schlauchtuch über Mund und Nase. Dicke Winter- oder Neoprenhandschuhe, ggf. Liner darunter, Wintermütze. Warme Winterschuhe plus Gaiter.
Unter -5 °C – Extrem: alles aus dem Tiefwinter-Bereich plus eine zusätzliche Isolierschicht, Liner unter den Handschuhen, lückenlose Abdeckung von Hals, Gesicht und Ohren. Für Pausen unbedingt die Daunenjacke mitnehmen – im Stand kühlt man rasend schnell aus.
Nässe schlägt Kälte: Ein nasser Tag bei 5 °C fühlt sich kälter an als ein trockener bei -2 °C. Im Zweifel die wasserdichte Schicht und die Neoprenhandschuhe einpacken. Und wer in Brandenburg unterwegs ist, kennt das Sonderproblem der Übergangstage: Bei Frost-Tau-Wechseln verwandeln sich die Wege in tiefen Matsch – dann zählt weniger die Bekleidung als die Reifenwahl und die Bereitschaft, auch mal zu schieben.
Häufige Fragen zur Winterbekleidung fürs Radfahren
Nein. Wer im Winter pendelt oder gemütlich Gravel fährt, kommt mit cleveren Kombinationen aus dem Zwiebelprinzip weit – ein gutes Thermo-Unterhemd, eine winddichte Jacke und warme Handschuhe sind die Basis. Teuer wird es vor allem bei den Schuhen. Unser Rat: kontrasaisonal im Frühjahr kaufen und lieber in wenige, vielseitige Teile investieren als in viele Spezialprodukte. Die verbreitete Vorstellung, man brauche eine vierstellige Materialschlacht, stimmt nicht.
Cyclocross-Rennen sind kurz und sehr intensiv, mit ständigem Auf- und Abspringen vom Rad. Hier reicht oft erstaunlich kurz geschnittene Kleidung – selbst unter null –, weil die Belastung von innen heizt; gefragt sind Bewegungsfreiheit und Grip an den Schuhen. Gravel-Touren und Grevets sind länger und langsamer: Hier darf es bequemer und wärmer sein, weil man lange im Sattel sitzt und entsprechend weniger Hitze produziert.
Auf der Straße funktionieren Überschuhe. Im Gelände nicht: Nach ein paar Laufpassagen hängen sie als Fetzen unter den Füßen. Wer im Cross oder auf Gravel ernsthaft im Winter unterwegs ist, fährt mit dedizierten Winterschuhen deutlich besser. Wasserdichte Socken und chemische oder elektrische Wärmepads haben sich in der Praxis kaum bewährt.
Grob: Unterhalb von etwa 12 °C beginnt der Übergangsbereich, ab rund 7 °C der Kernwinter mit Thermohose, Thermo-Unterhemd und wärmeren Schuhen. Entscheidend ist aber nicht nur das Thermometer – Nässe und Wind verschieben das Empfinden stark. Ein nasser Tag bei 5 °C fühlt sich kälter an als ein trockener bei minus zwei. Eine genaue Staffelung findest du in der Schnellübersicht weiter oben.
Weil sie drei Dinge gleichzeitig gut kann: Sie wärmt, sie reguliert Feuchtigkeit, und sie nimmt kaum Geruch an – praktisch auf mehrtägigen Touren oder wenn man nicht nach jeder Ausfahrt waschen will. Für Socken, Unterhemden, Schlauchtücher und Mützen ist sie deshalb eine naheliegende Wahl. Nachteil: höherer Preis und etwas mehr Pflegeaufwand als Synthetik.
Leicht frieren. Wer beim Start angenehm warm ist, schwitzt nach zehn Minuten durch – und nasse Kleidung kühlt anschließend gnadenlos aus. Faustregel: Beim Losfahren sollte es sich eine Spur zu frisch anfühlen. Für Pausen und Standzeiten lohnt sich dagegen eine zusätzliche Überwurfschicht wie eine leichte Daunenjacke, weil man im Stand rasend schnell auskühlt.

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