Phantasiehöhenmeter: Wie man metergenau auf einen Berg aus Lügen klettert
Der Berg, den niemand getreten hat
Lade dieselbe Runde durch den Fläming in zwei verschiedene Planer, und du bekommst zwei verschiedene Zahlen — nicht um zehn Meter, sondern um vierhundert. Fahre sie ab, und der Radcomputer addiert noch einmal eine eigene Wahrheit obendrauf. Brandenburg ist flach. Die Höhenmeter, die hier angezeigt werden, sind es nicht. Die scheinbar härteste Kennzahl des Radsports ist in Wirklichkeit die weichste — und das aus zwei völlig getrennten Gründen.
Die Höhenmeter sind die Zahl, der alle trauen. Gerade deshalb lohnt es sich, ihr zu misstrauen. Nach ihr plant man die Tagesform, wählt die Übersetzung, vergleicht Strecken, prahlt im Strava-Feed. Sie steht in jedem Roadbook, in jeder Eventausschreibung, in jedem Grevet-Handbuch. Und sie wird auf den Meter genau angezeigt — 1.247 Höhenmeter, nicht 1.200 —, eine Präzision, die die Daten darunter nie hergeben. In Wahrheit ist sie eine Schätzung, die je nach Werkzeug, Sensor und Wetterlage um Hunderte von Metern auseinanderläuft. Wer das einmal verstanden hat, plant ruhiger — und ärgert sich seltener über eine Zahl, die ohnehin nie genau war.
Es gibt für so etwas ein Wort. Der Angler hat sein Anglerlatein, der Jäger sein Jägerlatein, der Seemann sein Seemannsgarn — und der Radfahrer hat seine Höhenmeter. Der Fang wächst in der Erzählung, der Anstieg wächst im Speicher. Nur muss man beim Radfahren nicht einmal selbst übertreiben: Das erledigen die Werkzeuge schon ganz von allein.
Dieser Artikel löst auf, was wir im Tools-Leitfaden nur angedeutet haben: warum zwei Planer für dieselbe Linie unterschiedliche Anstiege ausspucken. Die kurze Antwort lautet, dass es nicht ein Problem ist, sondern zwei — und dass sie an entgegengesetzten Enden der Fahrt sitzen. Das eine entsteht beim Planen am Bildschirm, lange bevor man losfährt. Das andere entsteht beim Fahren, im Sensor am Lenker. Beide produzieren Höhenmeter, die es nie gegeben hat.
Die Höhenmeter sind nicht die härteste Zahl im Radsport. Sie sind die weichste.
Zwei Zahlen, zwei Lügen: wo der Fehler jeweils sitzt
Zwei Fehlerquellen, mehr nicht — aber sie haben nichts miteinander zu tun und verlangen unterschiedliche Gegenmittel. Die erste sitzt in der Karte: Jeder Planer liest die Höhe aus einem digitalen Geländemodell, und dieses Modell rauscht. Die zweite sitzt im Gerät: Dein Garmin oder Wahoo misst nicht die Höhe, sondern den Luftdruck — und der ändert sich auch dann, wenn du auf der Stelle stehst. Die erste Zahl entsteht vor der Fahrt, die zweite während der Fahrt. Wer nur eine von beiden kennt, wundert sich über die andere.
Eine konkrete Runde, durch verschiedene Werkzeuge geschickt, sieht schnell so aus:
Planer A: 520 hm · Strava (korr.): 610 hm · Komoot: 640 hm · Planer B: 690 hm · Garmin (Aufzeichnung): 760 hm
Welche stimmt? Vermutlich keine auf den Meter. Aber alle beschreiben dieselbe Strecke. Die Zahlen widersprechen sich nicht, weil eine lügt und der Rest die Wahrheit sagt. Sie widersprechen sich, weil jede anders schätzt.
Die Karte rauscht: warum Planer zu viel addieren
Kein Planer weiß, wie hoch ein Punkt wirklich liegt. Er schlägt die Höhe in einem digitalen Geländemodell nach — oft in den SRTM-Daten, einer weltweiten Höhenkarte, die im Jahr 2000 von einem Space-Shuttle per Radar vermessen wurde, mit einem Rasterpunkt etwa alle dreißig Meter. Manche Plattformen nutzen inzwischen neuere, feinere Modelle wie Copernicus DEM, EU-DEM oder regional sogar LiDAR-Daten; das verschiebt das Problem, hebt es aber nicht auf, denn alle teilen denselben Bauplan: ein Raster mit begrenzter Auflösung. Zwischen den Rasterpunkten wird interpoliert, geschätzt, geglättet. Und jeder einzelne Messwert trägt einen kleinen Fehler von ein paar Metern. Auf einer einzelnen Höhe fällt das nicht auf. Über eine lange Strecke schon.
Denn die Höhenmeter sind keine Höhe, sondern die Summe aller Anstiege. Ein Planer geht den Track Punkt für Punkt ab und zählt jede Aufwärtsbewegung zusammen. Wenn nun jeder Messwert um wenige Meter nach oben oder unten zittert, dann sieht das Programm zwischen zwei flachen Punkten ein winziges Auf und Ab, das es brav mitaddiert — obwohl die Straße schnurgerade und eben ist. Aus Tausenden solcher Mini-Zacken wird ein Gesamtanstieg, der mit der Realität wenig zu tun hat. In welligem Gelände verschwindet dieses Rauschen im echten Profil; im platten Brandenburg, wo es kaum echte Anstiege gibt, macht es manchmal die halbe Zahl aus. Das Sprichwort macht aus einer Mücke einen Elefanten; das Geländemodell macht aus einer Bodenwelle einen Berg.
Damit erklärt sich auch der berüchtigte Vierhundert-Meter-Unterschied zwischen zwei Tools: Sie verwenden unterschiedlich feine Geländemodelle und vor allem unterschiedlich aggressive Glättung. Wer roh aufsummiert, bekommt eine aufgeblähte Zahl. Wer das Rauschen vorher herausfiltert, bekommt eine realistischere. Genau das ist der Grund, warum die quelloffene BRouter-Engine — die Basis hinter dem CXB Gravel Routenplaner — bei den Höhenmetern oft konservativere und plausiblere Werte liefert als glattere Plattformen: Sie glättet das Profil, bevor sie zählt, statt jeden Messfehler als Anstieg zu verbuchen. Eine niedrigere Höhenmeterzahl ist hier also kein Schönrechnen, sondern vermiedene Überzählung. Ob sie der Wahrheit näher kommt, lässt sich streng genommen gar nicht beweisen — eine absolute Referenzhöhe, gegen die man messen könnte, gibt es nicht. Plausibler als rohes Aufsummieren ist die gefilterte Zahl aber allemal.
Wenn ein importierter Track ein offensichtlich absurdes Profil zeigt — Zacken, Sprünge, eine Gesamthöhe, die nicht zur Gegend passt —, liegt das fast immer am Geländemodell der Quelle, nicht an der Strecke. In gpx.studio lässt sich das Höhenprofil neu aus den Kartendaten berechnen und glätten; viele Planer bieten dieselbe Funktion als „Höhe neu berechnen“. Wichtig: Das repariert die Summe, nicht die Wahrheit — es ersetzt nur ein verrauschtes Modell durch ein geglättetes. Für die Planung reicht das. Als exakte Messung sollte man keine dieser Zahlen lesen.
Das Barometer lügt mit dem Wetter
Die zweite Quelle sitzt am Lenker — und sie ist die unterschätztere. Moderne Radcomputer messen die Höhe nicht über GPS, sondern barometrisch: über den Luftdruck. Das ist im Prinzip die genauere Methode, denn der Druck fällt mit der Höhe sehr regelmäßig — grob ein Hektopascal pro acht Höhenmeter. Steigt man, sinkt der Druck, das Gerät rechnet die Differenz in Höhenmeter um. So weit die saubere Physik.
Das Problem: Der Druck fällt nicht nur, wenn man steigt. Er fällt auch, wenn das Wetter kippt. An ruhigen Tagen ist das klein und kaum der Rede wert — aber bei einem Frontdurchgang oder vor einem Gewitter kann der Bodendruck spürbar sinken, mitunter um etliche Hektopascal in wenigen Stunden. Der Höhenmesser kann nicht unterscheiden, ob du einen Berg hochfährst oder ob sich über dir eine Front aufbaut. Er sieht fallenden Druck und schreibt Höhenmeter. So entsteht das absurdeste Bild des flachen Landes: Du rollst kerzengerade durch den Fläming, kein Hügel weit und breit, und dein Computer behauptet, du seist gestiegen. Phantasiehöhenmeter, erzeugt vom Wetter, nicht vom Gelände.
Dazu kommen zwei kleinere Geschwister desselben Effekts. Die Temperatur: Die barometrische Umrechnung unterstellt eine Standardatmosphäre, und wo die reale Temperatur stark abweicht, wandert die berechnete Höhe mit. Und die Drift: Über eine lange Fahrt ohne festen Bezugspunkt schleicht sich der Nullpunkt langsam weg, weshalb gute Geräte sich unterwegs immer wieder an GPS oder bekannten Höhen nachkalibrieren. Wer den Höhenmesser rein über GPS laufen lässt, tauscht das Wetterproblem übrigens gegen ein schlimmeres ein: GPS-Höhe ist notorisch zappelig und auf ein paar Meter genau bestenfalls bei klarem Himmel. Das Barometer ist trotz seiner Schwächen meist die bessere Wahl — man muss nur wissen, wann es lügt.
Das eindrücklichste Beispiel ist die Sommerfahrt, die in ein Gewitter läuft. Vor einer kräftigen Front kann der Bodendruck deutlich fallen — und der Höhenmesser verbucht diesen Druckabfall als Anstieg, obwohl die Strecke eben bleibt. Am Ende einer flachen Brandenburg-Runde stehen dann Höhenmeter, die niemand getreten hat. Umgekehrt funktioniert es genauso: Schiebt sich nach dem Gewitter ein Hoch heran und der Druck steigt, „fällt“ das Gerät rechnerisch ins Tal. Wer sein Profil nach so einer Fahrt anschaut und sich über die Zacken wundert, hat keinen kaputten Computer — er hat das Wetter mitgemessen.
Die Korrektur, die dich im Kreis führt
An dieser Stelle schlägt fast jede Plattform dieselbe Lösung vor: Höhenkorrektur. Strava, Garmin Connect und andere bieten an, die aufgezeichnete barometrische Höhe nachträglich zu „korrigieren“ — und tun dabei genau eines: Sie werfen die aufgezeichneten Sensordaten weg und legen den Track stattdessen über ein Höhenmodell. Bei manchen Diensten ist das ein digitales Geländemodell, bei Strava eine eigene Höhendatenbank. Sie ersetzen also die Wettermessung durch einen Nachschlag in einer Datenbank.
Damit sind wir wieder am Anfang. Die Korrektur befreit dich vom Barometer-Problem, indem sie dich in ein anderes Modell schiebt — bei vielen Diensten zurück ins SRTM-Problem, bei Strava in dessen eigene, aus Community-Fahrten gebaute Basemap. Mal ist die korrigierte Zahl besser, mal schlechter als die gemessene, und welche von beiden „stimmt“, lässt sich am Schreibtisch nicht entscheiden. Genau das ist der Kern: Es gibt keine wahre Höhenmeterzahl, die irgendwo auf dich wartet. Es gibt nur verschiedene Schätzverfahren mit verschiedenen Fehlern. Die Höhenkorrektur ist kein Wahrheitsknopf. Sie ist ein Tausch.
Die Höhenkorrektur tauscht nur den einen Fehler gegen den anderen. Eine wahre Zahl gibt sie nicht zurück.
Bei Strava lässt sich das gut nachvollziehen — und es lohnt zu wissen, was wann passiert. Wurde die Fahrt mit einem erkannten barometrischen Höhenmesser aufgezeichnet, zeigt Strava zuerst die gemessene Höhe des Geräts; über „Korrigierte Höhe“ („Correct Elevation“) kann man sie freiwillig durch den Datenbankwert ersetzen. Kam die Aufzeichnung dagegen vom Handy oder von einem Gerät ohne Barometer, korrigiert Strava automatisch — der Knopf erscheint gar nicht erst, weil schon korrigiert wurde.
Der entscheidende Punkt: Strava greift dafür nicht auf rohe SRTM-Daten zurück, sondern auf seine eigene Basemap, zusammengesetzt aus den barometrischen Aufzeichnungen unzähliger Community-Fahrten. Wo viele mit gutem Höhenmesser gefahren sind, ist sie erstaunlich verlässlich; auf einsamen Wegen mit dünner Datenlage wird sie wieder ungenau. Eine bessere Datenbank als rohes SRTM also — aber eben auch nur eine Datenbank.
Faustregel: Hast du mit einem sauber kalibrierten Barometer-Gerät aufgezeichnet, lass die gemessene Höhe meist stehen — die Korrektur wirft gute Sensordaten gegen einen Datenbankwert ein, der nicht besser sein muss. Drück „Korrigieren“ gezielt dann, wenn das Barometer erkennbar mit dem Wetter abgedriftet ist (siehe Gewitter-Fall oben) oder die Fahrt ohnehin vom Handy stammt. Und auch danach bekommst du keine Wahrheit, sondern nur die zweite, meist plausiblere Schätzung.
Wer seine Rechnung offenlegt — und wer nicht
Wenn die Zahl ohnehin eine Schätzung ist, wird die nächste Frage interessant: Sagt das Werkzeug wenigstens, wie es schätzt? Am offensten ist die quelloffene BRouter-Engine hinter dem CXB-Planer. Ihr Autor beschreibt den Mechanismus selbst als Tiefpassfilter auf den SRTM-Höhen: Kleine Höhenänderungen werden weggeschnitten, erst was über einem Schwellwert zusammenkommt, zählt als Anstieg — das herausgefilterte Zittern sei oft schlicht ein Artefakt der Daten. Die Standardwerte stehen offen im Profil-Wiki. Wer wissen will, warum eine Zahl niedriger ausfällt, kann es nachlesen.
Strava legt die Methode offen, die Datenbasis nicht: Geräte mit anerkanntem Barometer liefern ihre eigene Messung, alle anderen werden gegen eine aus Community-Daten gebaute Basemap korrigiert — mit derselben Hysterese-Logik wie BRouter, nur anderem Schwellwert: Laut Strava-Dokumentation zählt ein Anstieg erst, wenn er zusammenhängend mehr als zehn Meter ansteigt (ohne starke Barometerdaten) — mit Barometer schon ab zwei Metern. Am anderen Ende der Skala steht ausgerechnet das Gerät, dem die meisten am stärksten vertrauen: Garmin hat seine Berechnung nie veröffentlicht — weshalb jede Drittsoftware selbst filtert und am Ende andere Werte anzeigt als Garmins eigene.
Dieselbe Höhenmeterzahl bedeutet damit je nach Quelle etwas anderes — eine nachvollziehbare Schätzung oder eine Black Box. Wenn die Zahl ohnehin geschätzt ist, sollte man wenigstens wissen, wie geschätzt wird.
Metergenau angezeigt heißt nicht metergenau gemessen.
Was die Zahl dann praktisch wert ist
Wer das einmal durchdacht hat, hört auf, der absoluten Summe hinterherzulaufen, und liest stattdessen das Relative. Wo das Profil im Verhältnis steil wird, wo eine Rampe sitzt, wo es lange leicht ansteigt — das zeigen alle Modelle brauchbar, weil sich der Rauschfehler über die Form weitgehend herausmittelt. Verlassen sollte man sich auf die Gestalt des Profils, nicht auf die Gesamtzahl unter dem Diagramm. Für die Planung heißt das konkret: Nimm für die Höhenmeter die geglättete, gefilterte Quelle — den CXB-Planer beziehungsweise BRouter — und behandle eine deutlich höhere Zahl aus einer glatteren Plattform als das, was sie ist: aufaddiertes Rauschen.
Und für Brandenburg gilt eine Ehrlichkeit, die man sich erst eingestehen muss: Hier ist die Höhenmeterzahl ohnehin selten die Größe, die über den Tag entscheidet. Die zusammenhängenden zehn Meter, ab denen Strava überhaupt von einem „Anstieg“ spricht, überschreitet im flachen Norden fast nur, was Menschen aufgeschüttet haben: Deiche, Schuttberge und die Deponie, die in Berlin als höchster Punkt durchgeht. Alles darunter zählt nicht — der Schwellwert bügelt die kleinen Wellen glatt und macht die Norddeutsche Tiefebene auf dem Papier noch flacher, als sie ohnehin ist. Auf windoffenem Terrain kostet der Gegenwind in der zweiten Hälfte mehr Körner als jeder Anstieg im Profil. Wer seine Tagesplanung an dreihundert eingebildeten Höhenmetern aufhängt, statt an der Windrichtung, optimiert die falsche Zahl. Welche Werkzeuge den Wind entlang der Route sichtbar machen, steht im Tools-Leitfaden; der Gedanke, dass Navigation mehr ist als eine Linie auf der Karte, in Der stille Lotse.
Bleibt das Gerät. Es lohnt, einmal nachzusehen, ob der eigene Radcomputer barometrisch misst und ob er sich automatisch nachkalibriert — und die automatische Höhenkorrektur der Plattform bewusst an- oder auszuschalten, statt sie blind laufen zu lassen. Wer Strecken aus mehreren Quellen zusammensetzt, rechnet das Profil in gpx.studio einmal sauber durch, damit nicht fünf verschiedene Modelle in einem Track stecken. Das macht die Zahl nicht wahr. Es macht sie nur konsistent — und konsistent ist für die Planung genug.
Eine Zahl ist eine Behauptung
Der Radsport hat den Berg immer überhöht. Er ist der Entscheider, der Ort, an dem sich Charakter zeigt und das Rennen fällt — die Bühne, auf der Henri Desgrange seine „Giganten der Landstraße“ erfand und Roland Barthes den Mont Ventoux zum „Moloch“ erklärte. Friedrich Nietzsche sprach dem Berg gleich die Wahrheit selbst zu: „Im Gebirge der Wahrheit kletterst du nie umsonst: entweder du kommst schon heute weiter hinauf oder du übst deine Kräfte, um morgen höher steigen zu können.“ Der Anstieg als Prüfung, der Schweiß als Reinigung: Mehr zu diesem Mythos in unserer Besprechung von Geraint Thomas’ Radsportberge (und wie ich sie sah) und in der Lektüre von Benjo Masos Der Schweiß der Götter.
Im Rennen stimmt das sogar: Dort entscheidet der Berg ehrlich, weil am Ende nur zählt, wer zuerst über die Ziellinie fährt — eine Wahrheit, die ohne Nachkommastelle auskommt. Überall sonst aber, auf der geplanten Runde und im aufgezeichneten Profil, ist er das Gegenteil: kein Ort der Wahrheit, sondern der Lüge. Denn ausgerechnet die Zahl, die den heiligen Berg vermessen soll, ist die weichste und erfundenste, die der Sport kennt — der Berg ist Wahrheitsinstanz, sein Maß bloß eine Schätzung.
Der vielleicht ehrlichste Satz über Höhenmeter steht weder in einer Trainingsplattform noch in einer wissenschaftlichen Arbeit, sondern in der Dokumentation von BRouter. Dort legt der Entwickler Arndt Brenschede offen, warum selbst sein quelloffenes Modell bei den Höhenmetern theoretisch ins Straucheln gerät: Weil der Höhenfilter seine Kosten erst verzögert verrechnet, steht der wahre Preis eines Anstiegs nicht sofort fest — ein Teil liegt gewissermaßen in der Zukunft und wird später real oder eben nicht. Streng genommen, schreibt er, verletze das die Voraussetzungen der Suchalgorithmen, mit denen Router rechnen, und eine saubere Lösung gebe es nicht. Seine Antwort steht in zwei Worten da: „don’t care“. Nicht aus Gleichgültigkeit, sondern aus Einsicht: Die exakte Berechnung existiert nicht, und irgendwann muss jedes Modell entscheiden, welche Ungenauigkeit es hinnimmt. Die Frage ist nie, ob eine Höhenmeterzahl geschätzt wurde — nur wie.
Am Ende ist das Höhenprofil ein kleiner Fall derselben Sache, um die es uns hier öfter geht. Eine Karte ist keine Landschaft, eine Route ist kein Versprechen — und eine Höhenmeterzahl ist keine Naturkonstante, sondern die Meinung eines Modells über ein Gelände, das es nie betreten hat. Wer das weiß, wird nicht zynisch, sondern souverän: Er nutzt die Zahl, wofür sie taugt, und glaubt ihr nicht mehr, als sie hergibt. Die Ingenieure haben dafür einen trockenen Spruch: Wer misst, misst Mist. Warum dieselbe Skepsis bei jedem vermessenen Werkzeug lohnt, verhandelt der Serienanker Vermessene Freiheit.
Derselbe Nietzsche lieferte aber auch den Gegentitel. In Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne nennt er Wahrheiten Illusionen, von denen man vergessen hat, dass sie welche sind. Die Höhenmeter klettern nicht im Gebirge der Wahrheit — sie lügen: nicht im moralischen Sinn, niemand täuscht hier absichtlich, sondern im außermoralischen, als Konvention, die sich für eine Tatsache ausgibt, weil eine Nachkommastelle daranhängt.
Beim Angler wächst der Fisch mit jeder Erzählung; beim Radfahrer wächst der Berg mit jedem Werkzeug, durch das er die Runde schickt. Brandenburg bleibt flach. Die Zahl darunter schwankt trotzdem. Beides stimmt — man muss nur wissen, welches davon das Gelände ist und welches das Messgerät.
Kleines Glossar
Die vier Begriffe, um die es hier ging — die ausführliche Sammlung steht im CXB Gravel Glossar.
- Höhenmeter: Nicht die Höhe, sondern die aufsummierte Gesamtheit aller Anstiege einer Strecke. Weil sie aus vielen Einzelwerten addiert wird, multipliziert sie deren Messfehler mit.
- SRTM / Geländemodell (DEM): Die digitale Höhenkarte, aus der Planer die Höhe nachschlagen. SRTM stammt aus einer Radar-Vermessung von 2000 mit grobem Raster; neuere Modelle wie Copernicus DEM, EU-DEM oder LiDAR sind feiner, teilen aber den Bauplan. Zwischen den Rasterpunkten wird interpoliert — Quelle des „Karten-Rauschens“.
- Barometrischer Höhenmesser: Der Sensor im Radcomputer, der die Höhe aus dem Luftdruck ableitet. Genau, solange der Druck nur durch die Höhe schwankt — anfällig, sobald Wetter oder Temperatur den Druck verschieben.
- Höhenkorrektur: Das nachträgliche Ersetzen der gemessenen Höhe durch Werte aus einem Geländemodell. Behebt den Sensorfehler, holt sich dafür den Modellfehler zurück.
Häufige Fragen
Warum zeigen zwei Apps für dieselbe Strecke unterschiedliche Höhenmeter?
Weil sie die Höhe aus unterschiedlichen Geländemodellen lesen und unterschiedlich stark glätten. Rohes Aufsummieren zählt das Messrauschen der Daten als echte Anstiege mit und bläht die Zahl auf; Werkzeuge, die das Profil vorher filtern (etwa BRouter im CXB-Planer), liegen niedriger und realistischer. Der Unterschied steckt im Modell, nicht im Gelände.
Wieso zeigt mein Radcomputer auf flacher Strecke Höhenmeter an?
Weil er barometrisch misst — also über den Luftdruck. Fällt der Druck, weil eine Front oder ein Gewitter aufzieht, deutet das Gerät das als Anstieg, obwohl die Strecke eben bleibt. So entstehen Phantom-Höhenmeter aus dem Wetter. Auch Temperaturschwankungen und eine langsame Drift des Nullpunkts spielen hinein.
Sollte ich die automatische Höhenkorrektur einschalten?
Es ist ein Tausch, kein Wahrheitsknopf. Die Korrektur ersetzt die barometrische Messung durch Datenbankwerte — bei manchen Diensten ein digitales Geländemodell, bei Strava die aus Community-Fahrten gebaute Basemap. Sie behebt den Wetterfehler, holt sich dafür die Schwächen der Datenbank zurück. Bei Handy-Aufzeichnungen oder nach einer Fahrt mit starkem Wetterwechsel kann sie helfen; einen verlässlich „richtigen“ Wert liefert aber auch sie nicht. Wer mit gut kalibriertem Barometer fährt, lässt die gemessene Höhe meist besser stehen.
Welcher Höhenmeterzahl kann ich trauen?
Keiner als exakter Messung — aber der gefilterten als brauchbarer Schätzung. Für die Planung die geglättete Quelle nehmen (CXB-Planer/BRouter) und vor allem die Form des Profils lesen, nicht die Gesamtsumme: Wo es relativ steil wird, zeigen alle Modelle zuverlässig. Gerade im flachen Brandenburg entscheidet ohnehin meist der Wind mehr als die Höhenmeter.
Ist GPS-Höhe genauer als das Barometer?
In der Regel nicht. Reine GPS-Höhe schwankt stark und ist selbst bei freiem Himmel nur grob genau. Das Barometer ist trotz seiner Wetter-Anfälligkeit meist die bessere Quelle — wichtig ist, dass das Gerät sich unterwegs automatisch an GPS oder bekannten Höhen nachkalibriert.

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