Die Nacht bleibt
Mittwoch nach der Zeitumstellung. Der Rhythmus ist noch durcheinander. Am späten Nachmittag fällt der Blick vom Rechner zum Fenster: schon dunkel. Man weiß, dass es kommt, und ist doch überrascht, wie viel Abend plötzlich hinter der Scheibe liegt. Morgen fahren wir wieder.
Im Sommer erledigt sich die Feierabendrunde fast von selbst. Rechner zu, Rad raus, los. Um halb sieben sitzen an der Rummelsburger Bucht noch Leute am Wasser. Man bleibt mit dem Rad einen Moment stehen, die Handschuhe können in der Tasche bleiben. Der Abend reicht über die geplante Runde hinaus. Eine zusätzliche Schleife, hinterher noch ein Bier, die Heimfahrt im Hellen: Es muss nicht alles vor dem Losfahren entschieden sein.
Im Herbst beginnt die Runde schon in der Wohnung. Wo sind die langen Handschuhe? Der Lampenakku hängt noch am Kabel, die Jacke ist zu warm fürs Fahren und zu dünn fürs Warten. Beim ersten Griff an den Lenker merkt man, was die Finger vom Wetter halten. Auf dem Handy erscheinen die ersten Bilder vom Rollentrainer: virtuelle Anstiege, echte Schweißpfützen, Ventilator auf Stufe drei.
Kann man machen. Wir treffen uns draußen.
Donnerstag, halb sieben, Rummelsburger Bucht. Im Herbst fällt das Licht am Treffpunkt aus den Fahrradlampen. Die Lichtkegel liegen auf dem Weg, dahinter das dunkle Wasser. Die Uhrzeit bleibt. Das Licht verändert sich.
Eine Stunde, die wenig ändert
Pünktlich zur Umstellung kommt sie wieder, die Klage über die verlorene helle Abendstunde. Eben ging nach Feierabend noch eine Runde, jetzt ist es dunkel, bevor der Rechner aus ist. Manche wollen deshalb nicht nur die Umstellung abschaffen, sondern die Uhr gleich noch weiter vordrehen: dauerhaft Sommerzeit und eine Stunde obendrauf. Dass die Wintermorgen dann noch länger dunkel blieben, gilt als hinnehmbar. Länger wird der Tag dadurch ohnehin nicht.
Die Umstellung abzuschaffen, wäre nett. Das Europäische Parlament hat dafür schon 2019 gestimmt, eine Einigung der Mitgliedstaaten im Rat steht weiterhin aus (Bundeswirtschaftsministerium). Einmal weniger an der Uhr drehen, ein paar müde Montage weniger. Für unsere Runde ist es nicht entscheidend. Die Sonne geht im November trotzdem am Nachmittag unter, nur die Zahl auf der Uhr ändert sich. Eine weitere vorgestellte Stunde würde das Licht noch stärker vom Morgen zum Abend schieben. Mehr Helligkeit entsteht dabei nicht. Besser nutzbar kann sie trotzdem werden: Der Verkehrswissenschaftler Jan Wessel schätzt in einer Untersuchung bei dauerhafter Sommerzeit mehr Radverkehr als bei dauerhafter Normalzeit. Mehr freie Stunden entstehen dadurch allerdings nicht. Welche Uhrzeit insgesamt die bessere wäre, beantwortet dieser Befund allein nicht.
Wofür ist das Tageslicht da?
In Mainstream Fahrradmedien wird die Zeitumstellung aktuell vor allem als Frage der persönlichen Anpassung diskutiert: Wie bleiben wir im Trainingsrhythmus, welche Lampe brauchen wir, wie geht die Feierabendrunde im Dunkeln weiter? Seltener geht es darum, weshalb uns für die Runde erst nach Sonnenuntergang Zeit bleibt.
Über Sommerzeit und Normalzeit wird oft gestritten, als müssten wir uns nur auf die richtige Stellung der Zeiger einigen. Dabei steckt eine weitere Frage darin: Wofür ist das Tageslicht eigentlich da, für die Arbeit oder für das eigene Leben?
Die Geschichte der Sommerzeit hat dazu eine Pointe. Erdacht haben sie Leute, die mehr Licht für freie Beschäftigung wollten: der neuseeländische Insektenkundler George Vernon Hudson 1895, um nach seiner Schicht noch sammeln zu können, und der britische Bauunternehmer William Willett, der 1907 in The Waste of Daylight vor allem mit Gesundheit, Parks und Erholung warb. Eingeführt wurde sie aus anderen Gründen: 1916 in Deutschland, um im Krieg Kohle zu sparen, und 1980 nach den Ölkrisen, um Energie zu sparen und sich den Nachbarn anzupassen (Bundestag, Drucksache 8/3185). Aus Licht für den Feierabend wurde Licht für Kriegswirtschaft und Energiebilanz.
Aus Licht für den Feierabend wurde Licht für Kriegswirtschaft und Energiebilanz.
Willett sah das Hindernis deutlich: Die freie Zeit liege nach der Arbeit; frühere Geschäftszeiten hielt er für unerreichbar. Also sollten die Uhren vorgehen. Mehr als ein Jahrhundert später lohnt es sich, auch die andere Seite seines Arguments wieder zu öffnen: Wie unverrückbar sind die Arbeitszeiten, denen das Licht angepasst werden soll?
In dieser Debatte taucht oft ein ehrliches Argument auf: Morgenlicht nütze wenig, wenn man den Morgen ohnehin am Schreibtisch verbringt. Für die freie Runde stimmt das; für den Körper nicht. Die British Sleep Society verweist gerade auf die Bedeutung des Morgenlichts für Schlaf und innere Uhr und empfiehlt dauerhafte Normalzeit. Unsere Arbeitszeiten sind veränderbar, unser Körper ist deshalb noch nicht beliebig verstellbar. Nur bleibt auch bei biologisch günstiger Uhrzeit für viele der helle Teil des Wintertags bereits vergeben: Morgens auf dem Weg zum Betrieb dämmert es, nach Feierabend ist es dunkel.
Dann streiten wir darüber, welche Uhrzeit auf dem Sonnenuntergang stehen soll. Wann wir arbeiten müssen und wann wir über unsere Zeit verfügen können, erscheint dagegen wie eine Naturkonstante. Dabei geht nur die Sonne jahreszeitlich bedingt früher unter. Dass der Rechner bis dahin laufen muss, ist eine gesellschaftliche Vereinbarung.
Wer sich mehr Licht nach Feierabend wünscht, verlangt deshalb nicht bloß bequemere Trainingsbedingungen. Darin steckt ein berechtigter Anspruch: Auch vom hellen Tag soll etwas für das eigene Leben bleiben. Für eine Runde von der Rummelsburger Bucht aus, einen Spaziergang an der Wuhle oder eine Stunde auf dem Spielplatz. Freizeit braucht weder einen Trainingsplan noch einen besonderen Zweck, um Tageslicht verdient zu haben.
Eine andere Uhrzeit könnte diese Verteilung für manche verbessern. Sie würde allerdings wenig daran ändern, dass Erwerbsarbeit den Tag zuerst belegt und alles andere sich darum organisieren muss. Über kürzere Arbeitszeiten und Spielraum beim Arbeitsbeginn zu sprechen, gehört deshalb genauso zur Debatte wie Sommerzeit und Normalzeit.
Spielraum beim Arbeitsbeginn hilft allerdings nur denen, die ihn nutzen können. Eine Schicht lässt sich nicht auf eigene Faust verschieben; Betreuung und Pflege richten sich nicht nach dem Sonnenstand. Und ein früherer Feierabend wird noch nicht zur freien Stunde, wenn zu Hause die nächste Arbeit wartet. Die Zeitverwendungserhebung zeigt, wie ungleich unbezahlte Arbeit verteilt bleibt. Wer über das Licht nach Feierabend spricht, muss auch darüber sprechen, wer seine Zeit einteilen darf und wer sich nach den Zeiten anderer richten muss.
Unsere Freude am Nachtfahren darf dafür keine bequeme Entschuldigung liefern. „Kauft euch eine Lampe“ ist eine brauchbare Antwort auf eine Ausrüstungsfrage. Auf die Frage, warum für das eigene Leben regelmäßig nur die dunklen Stunden bleiben, reicht sie kaum aus.
Wem die Stunden gehören
Warum Nachtfahren weder Mutprobe noch Notlösung sein muss, steht ausführlicher im Grevet-Essay „Der Schlaf der Vernunft“. Hier geht es darum, ob wir die Wahl haben: auch einmal im Hellen loszufahren, ohne dafür einen Urlaubstag zu brauchen.
Dass Arbeit und eigenes Leben überhaupt so säuberlich getrennte Stunden haben sollen, ist historisch keineswegs selbstverständlich. A. Roger Ekirch hat für die vorindustrielle Nacht eine verbreitete Folge von erstem Schlaf, einer Wachphase um Mitternacht und zweitem Schlaf rekonstruiert. Man betete, sprach mit den Menschen, mit denen man das Bett teilte, sah nach Kindern und Kranken; Paare wurden intim. Andere standen auf, um zu arbeiten. Was heute wie eine Unterbrechung der Nachtruhe erscheint, hatte einen Platz im gemeinsamen Leben. Die dunkelste Stunde der Nacht war damit eine der freiesten — lange vor dem elektrischen Licht. Es kam nie auf die Helligkeit an, sondern darauf, wem die Stunde gehörte.
Es kam nie auf die Helligkeit an, sondern darauf, wem die Stunde gehörte.
Die Nacht kannte daneben gesellige Arbeitstreffen: In den Spinn-, Rocken- und Lichtstuben wurde an Winterabenden gearbeitet, erzählt und über die örtlichen Autoritäten geredet, meist noch vor Mitternacht. Die Nacht war auch Arbeitszeit, gerade für Frauen; innerhalb dieser Arbeit entstanden Räume der Geselligkeit. Craig Koslofsky verfolgt in Evening’s Empire ebenfalls, wie nächtliche Arbeit und Geselligkeit ineinandergriffen und durch Obrigkeit und Kirche reguliert wurden. Wem die Stunden gehören und was darin geschehen darf, wurde nicht erst mit der Sommerzeit ausgehandelt.
Eine längere Mittagspause mag heute die eigene Runde ermöglichen. Die Freunde haben deshalb noch lange nicht gleichzeitig frei. Gemeinsame Zeit braucht Verabredungen, auf die man sich verlassen kann, und Arbeitszeiten, die sie zulassen. Für unseren Donnerstag ist halb sieben mehr als eine Zahl auf der Uhr: Es ist die Stunde, in der wir einander treffen können.
Beim Dreckigen Donnerstag wird aus den einzelnen Feierabenden eine gemeinsame Runde. Bis halb sieben muss der Rechner zu, das Rad draußen, die Lampe geladen sein. Am Treffpunkt lässt sich die Arbeit nicht einfach abstreifen wie ein Handschuh. Aber für eine Weile gibt es etwas anderes zu tun. Wer mitfährt, muss daraus kein Bekenntnis zum Ganzjahressport machen. Vielleicht ist nach einer Stunde genug. Die gemeinsame Runde ist ein Angebot, kein Ersatz für frei verfügbare Zeit bei Tageslicht.
Wir wollen über unsere Zeit verfügen können: über helle Stunden, über dunkle, über Stunden, in denen überhaupt nichts geleistet werden muss. Die Nacht abzuschaffen wäre dafür ein seltsames Ziel. Es wäre schon viel gewonnen, wenn uns mehr vom Tag gehörte.
An der Rummelsburger Bucht werden nach der Runde die Handschuhe ausgezogen. Jetzt müssen die Finger wieder einen Reißverschluss, das Handy oder den Haustürschlüssel bedienen. Jemand hält noch ein Bier, jemand muss zur S-Bahn, jemand fährt die letzten Kilometer nach Hause. Auf den Rädern klebt der Untergrund des Abends.
Am nächsten Morgen wird es wieder hell. Donnerstag sind wir vorher verabredet.
Literatur
William Willett: The Waste of Daylight. London 1907.
A. Roger Ekirch: In der Stunde der Nacht. Bergisch Gladbach: Lübbe 2006 (engl. At Day’s Close, 2005), hier S. 203, 221–227, 359–365 und 368–369.
Craig Koslofsky: Evening’s Empire. A History of the Night in Early Modern Europe. Cambridge: Cambridge University Press 2011, besonders Kap. 7. doi:10.1017/CBO9780511977695.
Jan Wessel: Cycling in the dark – the impact of Standard Time and Daylight Saving Time on bicycle ridership. In: PNAS Nexus 1 (2022), pgab006. doi:10.1093/pnasnexus/pgab006.
Transparenzhinweis: Der Text erwähnt Grevet. CXBerlin ist mit der Langstreckenreihe Grevet verbunden.

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