Eine Rahmentasche aus dem Regal passt selten wirklich. Zu kurz für den Oberrohr-Übergang, zu breit für den engen Bereich am Tretlager, die falsche Seite für den Schaltzug. Wer selbst näht, bekommt eine Tasche, die das eigene Dreieck ausfüllt – nicht eines aus dem Katalog.
Warum selbst bauen?
Drei Gründe sprechen dafür: erstens passt eine selbst genähte Tasche exakt ans Rad. Rahmengeometrien variieren stark – was bei einem Tourenrad mit langen Zügen funktioniert, ist am Gravelbike mit Flachlenker und enger Tretlager-Aussparung zu breit, zu kurz oder schleift am Umwerfer. Zweitens gibt es Spielraum für Eigenheiten: Reißverschluss links oder rechts, Unterteilungen, Farbe. Drittens liegt der Materialaufwand bei 50 bis 80 Euro – deutlich unter dem Preis einer maßgefertigten Tasche von Apidura oder Revelate.
Das Grundprojekt ist für Näheinsteiger mit etwas Geduld machbar. Eine Nähmaschine, die schwere Stoffe verarbeitet, ist Voraussetzung – eine Haushaltsmaschine reicht, wenn sie Cordura und mehrere Lagen gleichzeitig schafft. Die Nähzeit für eine erste Tasche liegt bei drei bis fünf Stunden.
Material
Für die Dreiecksflächen empfiehlt sich ein leichtes, beschichtetes Gewebe wie X-Pac VX21 oder Ecopak EPX200 – wasserabweisend, steif genug, um die Form zu halten. Für die Mittelseite (die Verbindung zwischen den beiden Dreiecksflächen) ist abriebfestigeres Material sinnvoll: 500D bis 1000D Cordura. Die Unterseite der Tasche liegt beim Fahren nah am Tretlager und bekommt die meiste Reibung ab.
- 0,5 m X-Pac VX21 oder Ecopak EPX200 (Dreiecksflächen, Deckel)
- 0,5 m 500D–1000D Cordura (Mittelseite, Unterseite, Gurtbänder)
- 1 m YKK #8 wasserabweisender Spiralreißverschluss
- 2 Zieherschieber passend zum Reißverschluss
- Klettverschluss-Band, Haken und Flausch, je 1,5 m in 25–50 mm Breite
- Nähgarn Nylon, 100 % (z. B. Coats Extra Strong Upholstery)
- Pappkarton oder feste Folie für Schablone
Alle Materialien sind bei spezialisierten Outdoorstoff-Händlern erhältlich: Extremtextil, Rannenberg & Friends oder im englischsprachigen Raum Rocky Woods. Für eine erste Tasche reicht die günstige Variante – Ecopak ist Cordura ähnlich, etwas leichter und hat einen geringeren ökologischen Fußabdruck.
Schablone erstellen
Das ist der wichtigste Schritt und der, bei dem die meisten Zeit verlieren, weil sie zu ungefähr vorgehen. Eine passende Schablone spart beim Nähen viele Korrekturen.




Rad auf die Seite legen oder in einen Montageständer hängen. Karton oder feste Folie ans Dreieck halten und die Innenkante des Rahmens abzeichnen: Oberrohr, Sattelrohr, Unterrohr. Abstand zum Sattelrohr: mindestens 5 mm, damit die Tasche nicht reibt. Am Tretlager großzügig Abstand halten – dort läuft die Kurbel durch, und beim Laden verschieben sich Gewichte nach unten (dazu weiter unten mehr). Flaschenhalter-Gewindebohrungen einzeichnen und aussparen, wenn sie weiter genutzt werden sollen.
Schablone ausschneiden, ans Rad halten, Kurbelumdrehung simulieren. Passt die Form? Erst dann auf Stoff übertragen. Alle Kanten der Schablone ausmessen und auf der Schablone vermerken – das erleichtert das Berechnen der Mittelseite.
Zuschnitt
Die Schablone auf den Rücken des Gewebes legen und mit Kreide oder wasserlöslichem Markierer abzeichnen. Nahtzugabe ringsum 10 mm ergänzen, dann ausschneiden. Zwei identische Dreiecksstücke entstehen – eines für jede Seite der Tasche.
Die Mittelseite verbindet beide Dreiecke. Ihre Breite bestimmt das Volumen der Tasche. Eine Breite von 90 mm ergibt eine fertige Breite von etwa 70 mm – ein realistischer Ausgangswert für ein Gravelbike-Dreieck. Die Länge der Mittelseite entspricht dem Umfang der Dreiecksfläche, gemessen auf der Nahtlinie. Kurven addieren Länge – lieber 50 mm Puffer einplanen und am Ende kürzen als zu kurz zuschneiden.
Reißverschluss einsetzen
Wo sitzt der Reißverschluss? Links für Rechtshänder, die auf der Nichtantriebsseite zugreifen wollen; rechts, wenn man häufig im Fahren in die Tasche greift und dabei die Hand nicht über die Kette führen möchte. Beide Varianten sind verbreitet – die Entscheidung ist persönlich.

Eine saubere Methode: keinen Schlitz in die Dreiecksfläche schneiden, sondern einen separaten Reißverschlussstreifen anfertigen. Der Streifen ersetzt einen definierten Bereich der Dreiecksfläche in voller Breite. Das Dreieck wird an der Reißverschlussposition in zwei Teile getrennt; der Streifen füllt den entstandenen Abstand. Das Ergebnis ist eine saubere, stabile Nahtlinie ohne eingeschnittene Kanten.
Reißverschluss vor dem Einnähen auf die gewünschte Länge kürzen und die Enden mit einem Cordura-Stück vernähen, damit der Schieber nicht abläuft. Zwei Schieber ermöglichen das Öffnen von beiden Seiten – bei langen Taschen praktisch.
Gurte nähen
Die Tasche wird über Klettverschluss-Gurte am Rahmen befestigt. Drei Befestigungspunkte sind üblich: Oberrohr, Unterrohr, Sattelrohr. Ein vierter Gurt am unteren Sattelrohr stabilisiert die Tasche bei schwererer Beladung.

Gurte können direkt aus Klettband bestehen oder in eine Cordura-Hülle eingenäht werden. Die einfachere Variante ist funktional; die aufwändigere hält länger und sieht sauberer aus. Alternativ funktionieren Gurte aus Nylonband mit eingenähten OneWrap-Segmenten – das ermöglicht stufenlose Positionierung am Rahmen und macht es einfacher, die Tasche mit anderen Gepäckstücken zu kombinieren.
Gurte am Ende der Mittelseite einlegen, bevor die Dreiecke angenäht werden. Richtung prüfen: Es ist leicht, einen Gurt falsch herum einzulegen und das erst nach dem Wenden zu merken.
Innentasche einnähen
Kleinteile verschwinden im Hauptfach: Multitool, Flickzeug, Schlüssel, Telefon sinken nach unten und werden am Wegrand mit klammen Fingern gesucht. Eine flache Innentasche hält sie an ihrem Platz. Der Zeitpunkt ist entscheidend – die Innentasche wird auf die Innenseite einer Dreiecksfläche genäht, bevor die Tasche zusammengesetzt wird. Ist die Tasche erst gewendet, kommt die Nähmaschine an die Innenseite nicht mehr flach heran.
Ein Streifen aus leichtem Gewebe oder Mesh, oben umgeschlagen und gesäumt, wird an drei Seiten aufgesteppt. Wer will, teilt ihn mit einer senkrechten Naht in zwei Fächer oder ergänzt ein schmales Gummiband als oberen Abschluss. Mehr braucht es nicht.
Für die Innentasche – oder gleich das ganze Innenfutter – ein helles Gewebe wählen, etwa Gelb. Dunkles Cordura schluckt dunkle Gegenstände; eine helle Innenfläche macht den Inhalt sichtbar, auch in der Dämmerung und im Schatten des Rahmendreiecks. Das ist kein Deko-Detail, sondern der Unterschied zwischen Greifen und Suchen.
Zusammennähen
Die Tasche wird von innen nach außen genäht, dann gewendet. Zuerst die Mittelseite an eine Dreiecksfläche nähen, dann die zweite Dreiecksfläche. Dabei bleibt ein Abschnitt offen – dort wird die Tasche am Ende gewendet.
Ecken und enge Kurven mit Einschnitten in die Nahtzugabe entlasten, damit der Stoff beim Wenden nicht reißt. Einschnitte nicht bis auf die Nahtlinie führen – etwa 2 mm Abstand lassen.


Nach dem Wenden alle Nähte nochmal absteppen. Innennaht an der Wendeöffnung schließen. Wer die Nähte innen versäubert, verlängert die Haltbarkeit – dafür eignet sich Schrägband oder Einfassband.




Praxistipp: Gegen das Ausbauchen verstärken
Schwere Gegenstände können nach unten rutschen und die Taschenwände auseinanderdrücken. Im Bereich des Tretlagers kann die Tasche dadurch an den Kurbelarmen schleifen und sich schlimmstenfalls so verklemmen, dass die Kurbel blockiert.
Sinnvoll ist deshalb ein eingenähter Stoffsteg oder eine mit Klett zu öffnende Trennwand zwischen den Seitenflächen. Diese Verbindung begrenzt das Ausbauchen; eine zusätzliche weiche Stofflage allein verhindert es nicht zuverlässig. Innere Klettteiler sind auch bei kommerziellen Taschen verbreitet – ein Hinweis darauf, dass das Problem bekannt ist.
Die Kurbelfreiheit immer mit vollständig beladener Tasche über eine ganze Umdrehung prüfen – und nach der ersten Probefahrt erneut.
Der Stoffsteg lässt sich beim ersten Bau direkt einplanen: Ein Streifen aus Cordura, dessen Breite der Taschentiefe entspricht, wird auf Höhe der Tretlager-Aussparung zwischen beide Seitenflächen genäht. Klettverschluss an beiden Enden ermöglicht das Öffnen, ohne die Tasche zu zerlegen. Für eine erste einfache Tasche reicht auch ein fester Steg ohne Klett.
Erste Probefahrt
Tasche mit dem tatsächlichen Packgut beladen – nicht mit einem Ersatzgewicht. Die Kurbel mehrfach langsam durchdrehen. Schleifgeräusche oder spürbarer Widerstand bedeuten: die Tasche muss angepasst werden, bevor sie auf die Strecke geht. Den Sitz der Gurte nach zehn Kilometern nochmals prüfen.


Eine selbst genähte Tasche ist nach der ersten Tour selten fertig – irgendwo sitzt ein Gurt falsch, ein Zug fehlt, die Öffnung ist zu eng. Das ist normal. Das Material ist günstig, die Nähte lassen sich auftrennen, und beim zweiten Mal geht es schneller.
Passend dazu bei CXBerlin: Wer die Tasche für längere Touren baut, findet das Planungswerkzeug im Überblick zu Bikepacking-, Grevet- und Brevet-Tools. Und was am Ende ins Rahmendreieck wandert, behandelt der Langzeittest des PB Swiss PB 470 BikeTool. Und wie die fertige Tasche ganz ohne Klettband fest ans Rad kommt, zeigt das DIY Retrofitlock: ein nachgerüsteter Fidlock-Sockel statt Klett.
Häufige Fragen zur selbst genähten Rahmentasche
Eine normale Haushaltsmaschine reicht, sofern sie Cordura und mehrere Lagen gleichzeitig verarbeitet. Wichtiger als das Modell sind eine passende, stabile Nadel und reißfestes Nylongarn.
Für die Seitenflächen ein leichtes, beschichtetes Gewebe wie X-Pac VX21 oder Ecopak EPX200; für die stärker beanspruchte Unterseite und die Mittelseite 500D bis 1000D Cordura.
Der Materialaufwand liegt bei etwa 50 bis 80 Euro – deutlich unter dem Preis einer maßgefertigten Tasche von Apidura oder Revelate.
Für die erste Tasche etwa drei bis fünf Stunden. Beim zweiten Mal geht es deutlich schneller, weil Schablone und Handgriffe sitzen.
Ein eingenähter Stoffsteg oder eine Klett-Trennwand zwischen den Seitenflächen begrenzt das Ausbauchen. Die Kurbelfreiheit immer mit voll beladener Tasche über eine ganze Umdrehung prüfen – und nach der ersten Probefahrt erneut.
Eine persönliche Entscheidung: links für den Zugriff von der Nichtantriebsseite, rechts, wenn man im Fahren in die Tasche greift, ohne die Hand über die Kette zu führen.
Weiterführende Quellen
Für fortgeschrittene Konstruktionen mit präzisen Schnittmustern und Anfänger-Nähkurs im Anhang gibt es kostenpflichtige Anleitungen bei Prickly Gorse Gear. Wer mit digitalen Schnittmustern arbeiten möchte: die Inkscape-Erweiterung von Prickly Gorse rollt Dreiecksflächen automatisch in Schnittmuster ab.

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