Buchrezension · Wenn das Suhrkamp-Taschenbuch im Rennrad-Trikot kommt.

Die Philosophie des Radfahrens – Ein amerikanischer Essayband, der bei Suhrkamp gelandet ist

Beim Radfahren bekommt der Kopf Rückenwind. Wer schon einmal im Sattel seine Runden gedreht hat, weiß: Kaum rollen die ersten Meter, kommen Gedanken in Schwung, die man zu Fuß so nie gefunden hätte. Genau dieses Gefühl fängt Die Philosophie des Radfahrens ein – ein Sammelband, der ursprünglich 2010 als Cycling — Philosophy for Everyone bei Wiley-Blackwell erschien und 2017 ins Deutsche kam. Bei Suhrkamp. Mit dem ganzen institutionellen Gewicht, das dieser Verlag in Deutschland mitbringt.

Eine Buchbesprechung über einen amerikanischen Essayband, der unter deutschem Suhrkamp-Etikett weit ernster wirkt als er ist – und genau deshalb funktioniert. Jesús Ilundáin-Agurruza und Michael W. Austin haben 2010 fünfzehn Stimmen versammelt, die das Radfahren von Grund auf durchdenken: Wettkampfethik, Pendlerphilosophie, Frauen im Sattel, Pantani und das Gefangenendilemma, Bhagavad-Gita im Wiegetritt. Eine Tour de Force durch ein Genre, das es vor diesem Buch streng genommen gar nicht gab.


Kurzurteil. Ein ungleich anregender Sammelband, der seine Leistung schon dadurch erbringt, dass er stattgefunden hat. 2010 versuchte hier eine Gruppe akademischer und journalistischer Autor:innen, Radsport-Erfahrung systematisch in akademisch-popularphilosophische Sprache zu übersetzen – eine Vorarbeit, die für Guillaume Martins Sokrates auf dem Rennrad (2019) und vieles, was im aktuellen deutschsprachigen Radsport-Sachbuch erscheint, einen frühen Referenzpunkt geschaffen hat. Die Beiträge sind unterschiedlich in Stil und Tonlage, wie das bei Sammelbänden so ist – aber das Fahrrad ist selbst ein Kuddelmuddel an Zugängen, und ein einzelner Autorenton würde nur reduzieren, was strukturell vielstimmig ist. Die Bandbreite – von Heather L. Reid über Maximilian Probst bis zu Steen Nepper Larsen – macht das Buch zu einer brauchbaren Geländekarte des Feldes. Die deutsche Neuauflage von 2025 zeigt: Es hält.

Ein amerikanisches Produkt, in deutscher Verkleidung

Erste Verständigung über das, was hier eigentlich vorliegt: Die Philosophie des Radfahrens ist kein Original-Werk in deutscher Tradition, sondern die Übersetzung eines englischsprachigen Sammelbands aus dem akademischen Mainstream der USA. Das Original heißt Cycling — Philosophy for Everyone: A Philosophical Tour de Force und erschien 2010 bei Wiley-Blackwell als Teil einer ganzen Buchreihe namens Philosophy for Everyone – mit ähnlich gestalteten Bänden zu Klettern, Surfen, Hundebesitz, Schokolade, Wein und Tanz. Es ist also keine elitäre Sonderveranstaltung, sondern ein Format der publikumsorientierten Popularphilosophie, wie sie an US-Hochschulen seit den 2000er Jahren etabliert ist.

Man könnte den englischen Untertitel auch mit Nietzsche lesen: Philosophy for Everyone – „Philosophie für Alle“. Nietzsche hatte seinem Also sprach Zarathustra den Doppeluntertitel „Ein Buch für Alle und Keinen“ gegeben – nicht als Marketingslogan, sondern als bewusstes Paradox. „Für Alle“ hieß bei ihm: öffentlich, nicht akademisch, an die Kultur und nicht an das Universitätsseminar gerichtet. „Und Keinen“ hieß: misstrauisch gegenüber Masse, Herde, schneller Zustimmung. Eine Leserprüfung war das, eine Schutzformel und eine Selbstmythologisierung in einem. Wer glaubte, sofort verstanden zu haben, hatte vermutlich gerade nicht verstanden.

Die Wiley-Blackwell-Reihe streicht die zweite Hälfte und lässt nur das demokratische Versprechen stehen. Philosophy for Everyone wäre für Nietzsche vermutlich eine Horrorformel: Philosophie als konsumierbares, freundliches, marktfähiges Produkt – während er selbst Überforderung, Vereinzelung, Umwertung wollte. Die Reihe verschiebt das Genre von der philosophischen Zumutung zur akademischen Popvermittlung. Das ist legitim und hat seinen eigenen Wert. Aber es ist eine Verschiebung, die man kennen sollte, bevor man ein Buch dieser Reihe in die Hand nimmt.

Hier liegt die eigentlich interessante Beobachtung: Derselbe Text wird verschieden gelesen, je nachdem, welches Etikett auf dem Cover klebt. Wiley-Blackwell signalisiert: intelligentes Geschenkbuch, Buchhandlungskultur, akademische Popvermittlung. Suhrkamp signalisiert: kulturelles Prestige, philosophische Ernsthaftigkeit, Bildungsbürger-Substanz. Reichenbachs verlegerische Klugheit liegt nicht zuletzt darin, dass er für die deutsche Ausgabe genau jenes Etikett gewählt hat, das die Leserhaltung verschiebt – aus dem amerikanischen Coffee-Table-Format wird ein deutsches Suhrkamp-Taschenbuch. Der Inhalt bleibt fast derselbe; die Lese-Erwartung ist eine andere.

Derselbe Text wird verschieden gelesen, je nachdem, welches Etikett auf dem Cover klebt. Reichenbachs Suhrkamp-Lizenz ist nicht nur Distribution, sondern Wahrnehmungsverschiebung.

Das ist wichtig, weil die deutsche Suhrkamp-Ausgabe eine andere Aura erzeugt: Das Suhrkamp-Taschenbuch-Format mit dem ikonischen Regenbogen-Coverkonzept signalisiert Bildungsbürger-Substanz. „Philosophie des Radfahrens“ klingt nach Sloterdijk oder Habermas-Schule, nach kritischer Theorie mit zwei Reifen. Tatsächlich ist es ein Buch aus Linfield, Oregon, und Eastern Kentucky University – mit einem Vorwort vom Custom-Builder Lennard Zinn (Zinn Cycles). Das ist nicht weniger interessant, aber es ist eine andere Geistesschule.

Die Wiley-Blackwell „Philosophy for Everyone“-Reihe.

Herausgegeben von Fritz Allhoff (Western Michigan University), umfasst sie über zwei Dutzend Bände zu Hobby- und Alltagsthemen: Beer, Chocolate, Wine, Coffee, Climbing, Surfing, Running, Dancing, Hunting, Cycling, Motherhood, Fatherhood, Christmas. Das Format: 15-20 kurze Essays von Philosophen und thematischen Insidern, eingeleitet von einer prominenten Foreword-Figur. Es ist Pop-Philosophie im besten Sinne – akademische Standards, aber für den Buchhandel gemacht. Suhrkamp hat aus dieser Reihe nur den Radfahr-Band ausgewählt; alle anderen erschienen entweder anderswo oder gar nicht auf Deutsch.

Wer schreibt hier eigentlich?

Eine Übersicht der Beiträger:innen zeigt, dass Cycling — Philosophy for Everyone keine reine Philosophie-Veranstaltung ist. Mitwirkende kommen aus Cultural Studies, Kinesiology, Literatur und Politikwissenschaft. Das ist programmatisch: Radfahren als interdisziplinäres Phänomen, das sich nicht in eine Fachschublade pressen lässt. Drei Stimmen sind besonders prägend:

Heather L. Reid – „My Life as a Two-Wheeled Philosopher“.

Reid ist Philosophie-Professorin an der Morningside University in Iowa und ehemalige Spitzenrennfahrerin – sie war Kandidatin für das US-Olympiateam 1988. In ihrem Essay verarbeitet sie ihre eigene sportliche Karriere als Quelle philosophischer Einsicht. Ihre Kernformel: „An der Startlinie sind wir alle Philosophen.“ Das ist mehr als eine Phrase – Reid argumentiert, dass die ritualisierte Selbstkonfrontation vor einem Rennen genau jene Situation produziert, die Sokrates als gnothi seauton (Erkenne dich selbst) verstand: kein gemütliches Nachdenken, sondern existenzielles Standortbestimmung unter Druck.

John Richard Harris – „The Commutist Manifesto“.

Der wahrscheinlich klügste Wortwitz des Buchs: Harris schreibt ein Pendler-Manifest in marxistischer Anlehnung. Commuter + Communist = Commutist. Sein Argument: Der Fahrrad-Pendler ist nicht der private Hobbyist, der er zu sein scheint, sondern Teil einer kollektiven Bewegung mit politischer Sprengkraft. Wer zur Arbeit radelt, entzieht der Autoindustrie eine Konsumstunde pro Tag, der Ölindustrie einen Liter Sprit, der Werbeindustrie eine Stunde Aufmerksamkeit. Das addiert sich – zur Klassenfrage des 21. Jahrhunderts.

Robert H. Haraldsson – Reykjavík-Pendler.

Der Isländer von der Universität Island schreibt aus der subarktischen Pendler-Realität: Er hat das Auto gegen das Fahrrad eingetauscht und beschreibt, was es heißt, im isländischen Winter zur Arbeit zu fahren. Sein Essay liefert die nordische Härteprobe gegen jede kommode Radfahr-Sentimentalität – wer bei minus 10 Grad und Schneematsch in Reykjavík ankommt, hat eine andere Beziehung zu seinem Rad als der Sommer-Pendler in Kopenhagen oder Berlin.

Steen Nepper Larsen – „Radfahrer werden“.

Der Däne von der Universität Aarhus schreibt einen phänomenologischen Essay über das Eins-Werden mit dem Fahrrad – mit einer Erzählung von einer Radtour durch Wind und Regen auf Mallorca, die ihn nach eigener Auskunft „erst zehn Jahre älter und dann wieder zehn Jahre jünger“ gemacht hat. Larsens Pointe: Die Philosophie des Radfahrens liegt nicht im großen Wettkampf oder im politischen Manifest, sondern in der täglichen Selbstverständlichkeit, in der das Rad zur zweiten Haut wird.

Pantani und das Gefangenendilemma: Ethik des Dopings

Einer der gewichtigsten Essays – Raymond Angelo Belliottis „Außer Kontrolle“ – verknüpft die tragische Karriere von Marco Pantani mit dem klassischen Gefangenendilemma der Spieltheorie. Die Logik: Wenn alle Konkurrenten dopen, ist saubere Konkurrenz strukturell unmöglich – wer sauber bleibt, verliert. Wenn niemand dopt, kann saubere Konkurrenz funktionieren. Die individuelle Entscheidung jedes Einzelnen hängt also von der Annahme über das Verhalten der anderen ab. Klassisches Gefangenendilemma – nur dass die Auszahlung in diesem Fall der Tour-Sieg, das Gehalt, die Karriere ist.

Heather L. Reid ergänzt diese theoretische Analyse mit einem persönlichen Erfahrungsbericht: Wie es sich anfühlt, gegen gedopte Rivalinnen zu verlieren. Reid weiß, wovon sie spricht – als Profi-Fahrerin der späten 1980er Jahre war sie selbst Teil eines Systems, in dem das Dilemma nicht abstrakt blieb, sondern Karriereentscheidung war. Die Kombination der beiden Essays – Belliottis spieltheoretische Analyse und Reids existenzielle Erfahrung – macht den Doping-Komplex des Bandes zum stärksten Block.

Wichtige zeitliche Kontextualisierung: Der Sammelband erschien 2010. Lance Armstrong wird im Buch noch weitgehend unverdächtig zitiert – die USADA-Untersuchung, die 2012 zur lebenslangen Sperre und Aberkennung aller sieben Tour-Siege führen sollte, lag noch in der Zukunft. Wer das Buch heute liest, liest es vor dem Hintergrund einer Zäsur, die die Autoren noch nicht sehen konnten. Das macht manche Passagen unfreiwillig komisch und andere unfreiwillig prophetisch. Pantani war 2004 gestorben; die Doping-Frage stand offen im Raum, ohne dass jemand das ganze Ausmaß der strukturellen Verseuchung kannte.

Ein Buch von 2010 über Radsport-Ethik liest sich nach Armstrong unfreiwillig anders. Manche Sätze altern in zwei Jahren um zehn Jahre.


Riding Like a Girl – die Frauen-Frage

Eine substantielle Stärke des Bandes, die in deutschen Rezensionen oft untergeht: Es gibt einen eigenen Beitrag zu Frauen im Radsport. Catherine A. Womack und Pata Suyemoto schreiben „Riding Like a Girl“ – ein Text, der historische, soziologische und phänomenologische Perspektiven zusammenführt. Sie erinnern an Susan B. Anthonys berühmten Satz aus dem späten 19. Jahrhundert: „Das Fahrrad hat mehr für die Emanzipation der Frauen getan als alles andere auf der Welt.“ Und sie fragen, was davon 130 Jahre später übrig ist.

Ihre Antwort ist gemischt: Im Alltagsradfahren der USA und Europas haben Frauen längst Parität erreicht oder übertroffen. Im Profi-Radsport hingegen, in der Sponsoring-Welt, in der medialen Sichtbarkeit der Tour bleibt der Sport ein männliches Universum. Der 2010 noch nicht existierende Tour de France Femmes (seit 2022) hätte ihnen recht gegeben – und doch zeigt sich, wie strukturell hartnäckig die Asymmetrien sind. Der Aufsatz ist 15 Jahre alt und immer noch aktuell. Das ist sein Problem und sein Wert zugleich.

Was die deutsche Ausgabe dazutut – und warum Reichenbach Anerkennung verdient

Eine Sache muss man hier sehr deutlich sagen, weil sie in deutschen Rezensionen meist untergeht: Peter Reichenbach, im Cover als dritter Herausgeber geführt, ist nicht Co-Editor der englischen Original-Anthologie. Aber das schmälert seine Leistung in keiner Weise – im Gegenteil. Er hat das Buch nicht nur übersetzt, sondern es um drei eigenständige Beiträge erweitert und damit zu einer deutschen Edition mit eigenem Profil gemacht. Das ist mehr als Vermittlungsarbeit – das ist verlegerische Autorenschaft.

Was Reichenbach geleistet hat.

Der von Reichenbach 1999 mitgegründete mairisch Verlag ist ein klassischer Independent-Verlag mit etwa 5–8 Titeln pro Jahr. Die Philosophie des Radfahrens war im Mai 2013 das erste Sachbuch des Hauses – und ist bis heute das mit Abstand bestverkaufte Buch von mairisch. Daraus entstand eine ganze Reihe: Die Philosophie des Kletterns (2014, mit Stephen E. Schmid als Co-Herausgeber), des Laufens (2015, mit M. W. Austin), des Gärtnerns, des Kochens, des Singens folgten. Drei der Bände – Radfahren, Klettern, Laufen – wurden mittlerweile als Suhrkamp-Taschenbücher lizenziert; ein Ritterschlag für einen Indie-Verlag und ein klares Signal, dass das Format trägt. Bei jedem Band steht Reichenbach als Co-Herausgeber neben einem anderen amerikanischen Akademiker – das ist Reihen-Editorat im Wortsinn, kein einmaliges Glück.

Reichenbach hat diese Reihe nicht nur konzipiert, sondern auch selbst mitübersetzt (Hales‘ Eröffnungsessay etwa). Er liefert mairisch-Bücher per Lastenrad an Hamburger Buchhandlungen aus. Sein entscheidendes Fahrraderlebnis war das Erklimmen des L’Alpe d’Huez. Er fährt – natürlich – ein altes Stahlrahmen-Rennrad. Das ist nicht Marketing, das ist gelebter Authentizitätsbeleg. Reichenbach gehört zu den Verlegern, die ihr Programm fahren können, bevor sie es verlegen.

Drei neue Beiträge für die deutsche Ausgabe

Hier liegt eine wichtige editorische Eigenleistung Reichenbachs, die in deutschen Rezensionen selten zur Sprache kommt: Die deutsche Ausgabe enthält drei zusätzliche Beiträge deutscher Autoren, die im englischen Wiley-Blackwell-Original nicht vorhanden sind. Das ist nicht Übersetzung, das ist Eindeutschung im starken Sinn:

Maximilian Probst – „Der Drahtesel: Die letzte humane Technik“.

Der ZEIT-Redakteur liefert den intellektuell vielleicht stärksten Essay des ganzen Bands. Probst nimmt das alte denunziatorische Bild vom „nach oben buckelnden, nach unten tretenden“ Radfahrer (Tucholsky/Zuckmayer/Adorno-Linie) und kehrt es um: Das Buckeln wird zur Demutsgeste gegen den Himmelsturm der Hybris, das Treten zur Verkörperung des Mensch-Welt-Verhältnisses ohne Hierarchie. Probst denkt mit Beckett (Molloy), Heidegger und Ernst Jüngers Der Arbeiter. Sein Kernsatz: Das Fahrrad ist „das letzte Versprechen einer Technik ohne Dialektik, ohne Umschlag in die Katastrophe“ – die letzte Maschine, deren Ursache-Wirkungs-Verhältnis der Mensch noch ganzheitlich überblicken kann, bevor mit dem Verbrennungsmotor die Welt der Kettenreaktionen beginnt.

Holger Dambeck – „Dem Paradies so nah“.

Der Spiegel-Online-Wissenschaftsredakteur liefert die empirische Ergänzung: ein präziser Vergleich der Radverkehrsplanung in Kopenhagen, Berlin, Hamburg, Köln. Dambeck arbeitet mit Zahlen, Statistiken und Stimmungsbildern aus dem Kopenhagener Bicycle Account: 40.000 Radler täglich auf der Nørrebrogade, grüne Welle für Radfahrer, dreispuriger Pulkverkehr in der Rushhour. Sein Befund: Sicherheit ist Voraussetzung für Massentauglichkeit, und das dänische Modell hat verstanden, dass diese aus subjektivem Empfinden besteht – nicht aus Statistik. Wo Frauen die Mehrheit der Radler stellen, ist Infrastruktur richtig gebaut.

Andreas Zellmer – „Der Gipfel der Tour de France“.

Der dpa-Sportjournalist und Tour-de-France-Experte schreibt aus journalistischer Direktbeobachtung. Während die amerikanischen Akademiker das Phänomen analysieren, war Zellmer dabei. Sein Beitrag liefert die anekdotische Tiefe, die einer reinen Theorie-Anthologie fehlen würde – Highlights und Kuriositäten, die nur jemand kennt, der Jahre lang im Pressetross gefahren ist.

Diese drei Beiträge sind nicht nur Beigabe, sondern strukturell relevant: Sie geben dem amerikanischen Sammelband eine deutschsprachige Resonanz, eine europäische Verkehrsplanungs-Empirie und eine Sport-Reportage-Stimme, die im Original-Band so nicht vorhanden sind. Mit Reichenbachs Eigenleistung liest sich dieses Buch anders, als es das Wiley-Blackwell-Original tut. Das verdient Anerkennung – als eigenständige editorische Leistung neben der Übersetzung.

Während die großen Verlagshäuser auf vorhandene Bestseller-Genres aufspringen, hat Reichenbach ein neues Sachbuch-Genre etabliert – und es mit drei eigenständigen deutschen Stimmen erweitert. Aus Eimsbüttel. Mit Lastenrad-Auslieferung.

Hinzu kommt: Reichenbach ist Mitinitiator des Indiebookday (2013), eines mittlerweile global wirkenden Aktionstags für unabhängige Verlage. Was als Hamburger Idee begann, wird heute in Polen, den Niederlanden, weltweit gefeiert. Reichenbach und sein Mit-Verleger Daniel Beskos erhielten 2014 den K.-H. Zillmer-Verlegerpreis; seit 2022 kuratiert Reichenbach mit Nefeli Kavouras das kulinarische Lesefest SORBET. Das ist Vermittlungsarbeit in der ganzen Breite – Verleger, Lektor, Übersetzer, Festivalmacher.

Was die deutsche Ausgabe also wirklich tut: Sie übersetzt das amerikanische Original (mit Reichenbach selbst als einem der Übersetzer), kürzt es vorsichtig (die englische Originalausgabe hat 273 Seiten, die Suhrkamp-Taschenbuchausgabe 208) und erweitert es um drei deutsche Beiträge, die das Buch in den deutschsprachigen Diskurs öffnen. Die ZEIT, der Spiegel und die dpa kommen mit ins Boot – das ist nicht zufällig, das ist klug platziert. Wer den vermeintlich deutsch-akademischen Tonfall mancher Passagen mag, sollte wissen: Im Original klingt vieles amerikanischer, lockerer, näher am Magazin-Essay. Reichenbach und sein Übersetzungsteam haben dem Buch nicht nur eine Sprache gegeben, sondern auch eine Tonlage.

Was wir nicht ganz mitmachen.

Bei aller Empfehlung gibt es zwei Vorbehalte – allerdings nicht die übliche Sammelband-Klage über Qualitätsschwankungen. Polyphonie bringt naturgemäß unterschiedliche Stärken; das ist das Geschäft. Aber: Erstens bleibt der politische Anspruch des Bandes etwas zahm. Harris‘ Commutist Manifesto und Probsts letzte humane Technik sind die schärfsten Texte – sonst herrscht Mittelstandsfreundlichkeit. Wer eine wirklich radikale Verkehrspolitik-Perspektive sucht (oder eine, die Klassenfragen mitdenkt), muss zu Ivan Illichs Energie und Gerechtigkeit oder neueren Critical-Mass-Theoretikern greifen. Zweitens: Die weibliche Stimmenpräsenz bleibt im Vergleich zur Männerquote überschaubar – Reid, Womack, Suyemoto, Tracey gegen den Rest. Das ist mehr als bei vielen Sammelbänden, aber bei einem Thema, das historisch so eng mit der Frauenemanzipation verbunden ist, hätte mehr Gewicht gutgetan.


Wider die Wurstpelle: Radkultur ernst genommen

Was das Buch in jedem Fall leistet: Es nimmt Fahrradkultur ernst, ohne dabei den Humor zu verlieren. Über die Spezies Radfahrer gibt es genug Klischees – bierbäuchige Herren in hautengen Trikots, die für Spott sorgen, fanatische Veganer:innen mit Hochleistungs-Lastenrad, Bikepacking-Tourists mit zu viel Equipment. Die Philosophie des Radfahrens schaut darüber hinweg und tritt entschlossen für die Bedeutung des Fahrrads ein. Ob Gender, Großstadtverkehr, ökologische Verantwortung, das Gemeinschaftsgefühl bei einer Critical Mass oder die Frage „Wie sähe eine Welt aus, in der das Auto nicht König ist?“ – die Essays gehen ins Detail und diskutieren mit Haltung.

Einige Kapitel lesen sich locker wie eine Sonntagsausfahrt im Sommer. Andere fordern heraus wie heftiger Gegenwind im November. Genau darin liegt der Reiz der Lektüre: Sie ist ebenso unterhaltsam wie gedanklich belebend. Hier und da liest man Sätze, die man so schnell nicht vergisst – etwa Reids „An der Startlinie sind wir alle Philosophen“. Das Fahrrad wird hier nicht als banales Fortbewegungsmittel abgehandelt, sondern als kulturelles Phänomen mit Tiefe und als Werkzeug, um die Gesellschaft in Bewegung zu bringen.


Die große Leerstelle: Eduard Bertz, 1900

Es gibt einen Namen, den dieses Buch nicht nennt – und der mancher kundigen deutschen Leserin durchaus einfallen könnte: Eduard Bertz. 1900 erschien in Dresden ein Buch mit dem Titel „Philosophie des Fahrrads“. Auf Deutsch. 110 Jahre vor dem Wiley-Blackwell-Sammelband. Das amerikanische Original heißt „Cycling — Philosophy for Everyone“ und kann sich diesen Verweis vielleicht sparen. Die deutsche Übersetzung aber, die unter dem Titel „Die Philosophie des Radfahrens“ auf den Markt kommt, hat eine ideengeschichtliche Vorgängerschaft, von der sie merkwürdig wenig Notiz nimmt.

Wer war Eduard Bertz?

Bertz (1853–1931), geboren und gestorben in Potsdam, war Bibliothekar, Übersetzer, Schriftsteller und enger Freund des englischen Romanciers George Gissing. Er lebte zeitweise in den USA (in der utopischen Siedlung „Rugby“ in Tennessee), in England und Deutschland – ein klassischer transatlantischer Bildungsbürger der Jahrhundertwende, der deutsche, englische, französische und US-amerikanische Quellen für seine Arbeiten auswertete. Sein Philosophie des Fahrrads erschien 1900 in Dresden, in zehn Kapiteln, mit Schwerpunkten auf Frauenemanzipation, Volksgesundheit, Klassenfrage, Verkehrsrecht und den damals neu aufkommenden Konkurrenztechnologien Pferd und Automobil. Das Buch wurde von Publikums- wie Fachzeitschriften ausführlich rezensiert. Es gilt heute als grundlegendes Werk zur Kulturgeschichte des Fahrradfahrens und wurde 2012 in dritter Auflage bei Olms, Hildesheim, neu ediert. Wer also den Titel „Die Philosophie des Radfahrens“ wählt, übernimmt – bewusst oder unbewusst – Bertz‘ Konzept.

Was Bertz 1900 in den Blick nahm, ist erstaunlich aktuell. Er behandelte das Fahrrad als Emanzipationsmaschine für Frauen (mit erstaunlicher Klarheit über Geschlechterrollen für einen Mann seiner Zeit), als Vehikel der Volksgesundheit, als Werkzeug klassenübergreifender sozialer Mobilität – „dem Arbeiter und der Frau“ verhelfe es zur Unabhängigkeit, schreibt er. Er kritisierte den professionalisierten Rennsport aus moralischen Gründen, lehnte die „Geschwindigkeitsbesoffenheit“ ab (über 15 km/h sei für die Volksgesundheit gefährlich, so seine zeittypische Diagnose) und stellte einen der ersten systematischen Vergleiche zwischen Rad, Pferd und Automobil an. Genau die Themen, die der Wiley-Blackwell-Sammelband 110 Jahre später wieder aufnimmt – ohne Bertz auch nur in einer Fußnote zu erwähnen.

Die analytische Philosophie hat kein Gedächtnis. Sie operiert wie ein Software-Update: Was vor der aktuellen Version war, ist nicht mehr abrufbar.

Das ist essayistische Zuspitzung – differenzierter formuliert: Die analytische angloamerikanische Popularphilosophie operiert oft mit kurzer ideengeschichtlicher Tiefenschärfe. Sie hat traditionell ein eher kursorisches Verhältnis zur Geistesgeschichte vor 1945, insbesondere zur deutschsprachigen, soweit sie nicht ins Englische übersetzt wurde. Was nicht in PhilPapers steht, taucht in dieser Tradition selten auf. Bertz, der zudem im falschen Genre schreibt (Kulturkritik statt Begriffsanalyse), fällt durch jedes Raster, das ein Wiley-Blackwell-Editor üblicherweise anlegt. Das ist keine Schuld, sondern eine Eigenheit der Disziplin.

Dass aber auch die deutsche Ausgabe diese Lücke nicht schließt – obwohl genau das eine naheliegende Aufgabe der Eindeutschung gewesen wäre –, ist eine erkennbare Auslassung. Reichenbach hätte hier ein Vorwort schreiben können, das den deutschen Leser:innen den Bertz’schen Vorlauf erklärt, das Genre historisch verortet, die ideengeschichtlichen Linien zieht. Das fehlt. Das ist eine erkennbare Lücke in einer ansonsten beeindruckenden Vermittlungsarbeit – und sie betrifft das deutschsprachige Erbe, das ohne solche Brückenfunktionen leicht unter dem Radar bleibt.

Was deutsche Leser:innen wissen sollten.

Wer sich für die Philosophie des Radfahrens interessiert, kann parallel zur Suhrkamp-Ausgabe Bertz‘ Original lesen. Es ist 2012 in dritter Auflage erschienen (Olms Verlag, Hildesheim, mit Nachwort und Anmerkungen von Wolfgang Stahl). Die Bibliothek der Universität ist die erste Adresse; antiquarisch ist Bertz auch erschwinglich zu haben. Wer beide Bücher liest, sieht das amerikanische 2010er-Buch in einem anderen Licht: weniger als Beginn eines Genres, eher als analytisch-popularphilosophische Aktualisierung von Themen, die Bertz vor 125 Jahren schon mit umfassenderem kulturhistorischen Blick durchgearbeitet hatte.


Wo es im deutschen Feld steht

Mit der Neuauflage 2025 wird klar: Der Band hat im deutschen Radfahr-Bücherregal eine feste Position eingenommen. Er gehört in eine Reihe mit Guillaume Martins Sokrates auf dem Rennrad (2019/2021) und anderen Büchern, die das Radfahren als kulturelles Phänomen ernstnehmen, statt es als Trainingsthema oder Reiseliteratur abzuhandeln. Die historische Tiefenebene dieser Reihe heißt Bertz: Philosophie des Fahrrads (1900) hat im deutschen Sprachraum früh Vokabular und Themenfelder bereitgestellt, an die spätere Bücher anschließen konnten – wissentlich oder unwissentlich.

Was Die Philosophie des Radfahrens von anderen Bänden im Genre unterscheidet: Es ist der älteste (Original 2010), der internationalste in den Stimmen, der polyfonste in der Anlage. Wer einen Einstieg in das Genre sucht, ist hier richtig – aber sollte wissen, dass Martin lebendiger schreibt und auf einer einzigen Stimme ruht. Die Stärke dieses Sammelbands liegt anderswo: in seiner produktiven Unordnung.

Sammelbände sind notorisch Kuddelmuddel – fünfzehn Stimmen, fünfzehn Schreibstile, fünfzehn Niveaus. Das gilt hier auch. Aber bei diesem Thema ist das kein Nachteil, sondern eine Stärke. Denn das Fahrrad selbst ist ein Kuddelmuddel an Zugängen: Es ist Sport und Verkehrsmittel, Transportgerät und Sportarena, individuelle Selbstvergewisserung und kollektives Bewegungsphänomen, Pendlerwerkzeug und Tour-de-France-Mythos, Frauenemanzipations-Geschichte und maskulines Wettkampfobjekt, Stadtgerät und Naturerlebnis. Wer das Fahrrad ernstnimmt, muss alle diese Dimensionen ernstnehmen. Ein einzelner Autorenton würde reduzieren, was strukturell vielstimmig ist.

Sammelbände sind Kuddelmuddel – aber das Fahrrad ist auch eines. Hier passt die Form zum Gegenstand.

Genau das macht diesen Band wertvoll: Reid neben Probst, Harris neben Dambeck, Larsen neben Zellmer. Niemand hat die Wahrheit, aber zusammen ergibt sich ein Bild, das ein einzelner Autor nicht zeichnen könnte. Velosophie als Polyphonie – das ist nicht die zweitbeste Lösung, sondern die für diesen Gegenstand angemessenste.

Was hier in Berlin daran anschließt.

Für die Distanz-Radfahrkultur, wie sie sich in Berlin um Grevet und cxberlin gebildet hat, ist der Band interessant als Hintergrundlektüre. Reids „Startlinien-Philosophie“ trifft den Moment vor jeder Distanzfahrt, in dem die übliche Souveränität in fragende Selbstbefragung umkippt. Harris‘ „Commutist Manifesto“ liest sich wie eine Vorarbeit zu dem, was in Berlin als urbane Mobilitätswende längst gelebt wird. Haraldssons Reykjavík-Winter-Erfahrung erinnert daran, dass nordeuropäische Winter-Radkultur auch hier ihre Bedeutung hat. Drei Anknüpfungspunkte für drei sehr verschiedene Berliner Radfahr-Realitäten.


Höhenmeter für den Kopf: Fazit

Diese Sammlung ist kein Trainingshandbuch, sondern eine Abenteuerfahrt für den Geist. Die Tour durch die Texte verlangt dem Leser durchaus Kondition ab – philosophische Kost will erstrampelt werden. Doch wer die Strecke mitfährt, dem eröffnet sich ein neuer Ausblick. Am Ende blickt man mit vielleicht müden Gedanken, aber wachem Geist über den eigenen Lenker hinaus.

Was bleibt, ist die Einsicht: Das Fahrrad ist kein banales Fortbewegungsmittel. Es ist – wenn man es lässt – eine Maschine zur Selbstvergegenwärtigung. Wer regelmäßig im Sattel sitzt, denkt anders über sich, über die Welt, über andere Verkehrsteilnehmer. Die Philosophie des Radfahrens nimmt diese Alltagserfahrung ernst und übersetzt sie in argumentative Texte. Nicht jeder davon ist gleich gut – aber zusammen formen sie das, was diese Art von Buch sein sollte: einen ersten Anlauf, der spätere Anläufe möglich macht.

Ein erster Anlauf, der spätere Anläufe möglich macht – das ist nicht wenig für ein Buch, das vor 15 Jahren in Oregon entstanden ist.

Kaufen, wenn: Du gern Sammelbände liest, in denen verschiedene Stimmen zum selben Thema antreten. Wenn du den theoretischen Unterbau deiner Radleidenschaft suchst, aber nicht gleich ein 500-Seiten-Traktat willst. Wenn du Heather L. Reids Startlinien-Formel kennenlernen möchtest, ohne ihre amerikanischen Originaltexte zu lesen.
Nicht kaufen, wenn: Du eine kohärente Argumentation aus einer Feder erwartest. Wer einen Autorenton sucht, ist bei Martins Sokrates auf dem Rennrad besser aufgehoben. Hier herrscht Polyfonie – im besten und im anstrengenden Sinn.

Häufige Fragen zu Die Philosophie des Radfahrens

Ist das Buch ein deutsches Original?

Nein, aber. Es basiert auf dem amerikanischen Sammelband Cycling — Philosophy for Everyone (Wiley-Blackwell 2010, Hg. Ilundáin-Agurruza & Austin). Die deutsche Ausgabe ist ein verlegerisches Eigenprojekt von Peter Reichenbach (mairisch Verlag, Hamburg), der das Buch ins Deutsche brachte, mitübersetzte und damit eine ganze Sachbuchreihe begründete: Die Philosophie des Radfahrens, Kletterns, Laufens, Gärtnerns, Kochens, Singens. Bei jedem Band steht Reichenbach als deutscher Co-Herausgeber neben einem amerikanischen Reihen-Editor. Die ersten drei Titel (Radfahren, Klettern, Laufen) sind als Suhrkamp-Taschenbuch lizenziert. Reichenbachs verlegerische Eigenleistung rechtfertigt die Nennung im Cover.

Wie viele Essays enthält der Band?

Die englische Originalausgabe enthält 15 Essays plus Einleitung. Die deutsche Ausgabe (208 Seiten) hat etwa dasselbe Volumen, hat aber drei zusätzliche deutsche Beiträge aufgenommen: Maximilian Probst (DIE ZEIT), Holger Dambeck (SPIEGEL ONLINE), Andreas Zellmer (dpa). Im Gegenzug fehlen einige Texte aus dem Original – die kürzeren „Warm Up“-Texte zwischen den Kapiteln sowie 2-3 thematische Beiträge. Die deutsche Edition ist also nicht weniger, sondern anders: stärker europäisch und deutsch verortet.

Welche Themen werden behandelt?

Lernen Rad zu fahren (Hopsicker), Radfahrer-Werdung als Phänomenologie (Larsen), Reykjavík-Pendlerei im Winter (Haraldsson), Frauen und Radfahren (Womack/Suyemoto), Critical Mass gegen die Automobilkultur (Furness), Pendler-Politik (Harris‘ „Commutist Manifesto“), Wettkampfethik und Doping (Belliotti zu Pantani), Selbsterkenntnis und Startlinien-Philosophie (Reid), Eddy Merckx als Kannibale (De Block/Joye), Zeitfahren und Technik (Dyer), die Tour de France (Elcombe/Tracey, Zellmer). Plus drei deutsche Beiträge: Probst über das Fahrrad als „letzte humane Technik“, Dambeck über Kopenhagener Radinfrastruktur, Zellmer über Tour-de-France-Highlights.

Wer ist Lennard Zinn, der das Vorwort schrieb?

US-amerikanischer Custom-Bike-Builder, Inhaber von Zinn Cycles in Boulder, Colorado. Bekannt für extragroße Rahmen für sehr hochgewachsene Fahrer und Autor mehrerer Standard-Schraubertraktate (u.a. Zinn and the Art of Road Bike Maintenance). Seine Anwesenheit im Vorwort signalisiert: Das Buch will sowohl die Theoretiker als auch die Praktiker erreichen.

Gibt es ein deutsches Vorgängerwerk?

Ja, ein wichtiges: Philosophie des Fahrrads von Eduard Bertz, erschienen 1900 in Dresden. Es behandelt – fast 110 Jahre vor dem Wiley-Blackwell-Sammelband – die Themen Frauenemanzipation, Volksgesundheit, Klassenfrage, Rennsport-Kritik und den Vergleich mit Pferd und Automobil. Bertz‘ Buch wurde 2012 bei Olms (Hildesheim) in dritter Auflage neu herausgegeben. Weder der amerikanische Sammelband noch die deutsche Suhrkamp-Übersetzung erwähnen Bertz – eine ideengeschichtliche Auslassung, die deutsche Leser:innen selbst korrigieren müssen.

Lohnt sich der Kauf trotz Alter (Original 2010)?

Ja. Die meisten Beiträge sind nicht zeitgebunden – Selbstkenntnis im Sport, Ethik des Wettkampfs, Frauenfrage, Pendler-Politik altern langsam. Wo Aktualität fehlt (Lance Armstrong wird unverdächtig zitiert, Tour de France Femmes existierte noch nicht), kann man das als historisches Dokument lesen – ein Stand kurz vor der großen Doping-Zäsur.

Wo bekommt man das Buch in Deutschland?

Erstausgabe Januar 2017, Neuauflage April 2025. Suhrkamp Verlag, suhrkamp taschenbuch, 208 Seiten, ca. 14 €. Erhältlich im stationären und Online-Buchhandel sowie direkt bei Suhrkamp.


Über die Herausgeber:innen

Jesús Ilundáin-Agurruza ist Philosophie-Professor und Allen & Pat Kelley Faculty Scholar am Linfield College in McMinnville, Oregon. Sein akademisches Profil: Schwerpunkte in Ethik, Ästhetik und Sportphilosophie, viele Veröffentlichungen zur Verbindung von Philosophie und körperlicher Praxis – nicht nur zum Radfahren, sondern auch zu Judo, asiatischen Kampfkünsten und alltäglichen Phänomenen. Selbst Kategorie-2-Rennfahrer, also kein theoretischer Außenstehender.

Michael W. Austin ist Philosophie-Professor an der Eastern Kentucky University. Schwerpunkte: Ethik, Religionsphilosophie, Popkultur. Hat mehrere Bücher zu Themen wie Football, Sport-Ethik und Familienphilosophie geschrieben. Befürworter einer öffentlichen Philosophie, die Lebenspraxis und Reflexion verbindet – also der Pop-Philosophie-Tradition, in der dieses Buch steht.

Peter Reichenbach, der eigentliche Vermittler dieses Buchs ins Deutsche, gründete 1999 gemeinsam mit Daniel Beskos und Blanka Stolz – Schulfreunden aus demselben hessischen Dorf – den mairisch Verlag in Hamburg-Eimsbüttel. Studium der Neueren Deutschen Literatur, Politikwissenschaft und Philosophie. Verlegerisches Profil: deutsche Belletristik (Finn-Ole Heinrich, Benjamin Maack, Lisa Kreißler), preisgekrönte Kinderbücher, Übersetzungen, Graphic Novels, Musik. Markenzeichen: konsequente Auswahl, langfristige Autorenbetreuung, hochwertige Buchgestaltung. Daneben Mitinitiator des Indiebookday (2013), K.-H. Zillmer-Verlegerpreis 2014 (mit Beskos), seit 2022 Co-Kurator des kulinarischen Lesefests SORBET.

Bibliografische Notiz

Jesús Ilundáin-Agurruza, M. W. Austin, Peter Reichenbach (Hg.): Die Philosophie des Radfahrens
Aus dem Englischen von Roberta Schneider, Blanka Stolz u. a.
Mit einem Vorwort von Lennard Zinn
Suhrkamp Taschenbuch, 208 Seiten
ISBN 978-3-518-46743-5
Erstausgabe: 15. Januar 2017
Neuauflage: 6. April 2025
Originalausgabe: Cycling — Philosophy for Everyone: A Philosophical Tour de Force, Wiley-Blackwell, Malden/Oxford 2010
Preis: ca. 14,00 € (Taschenbuch)

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